Tanghetto – el miedo a la libertad [CD] 2008
Von un loco • 6. März 2009 • Kategorie: CD der Woche •
Tanghetto nähern sich dem Thema des „Jungen Tango“ (tango joven) gleich von mehreren Seiten. 12 Titel sind auf der neuen Studio CD „el miedo a la libertad“ zu finden. Exzellent produziert, vom ersten Ton des Bandoneons eindeutig als Tanghetto identifizierbar, machen die 6 Musiker klar, was für sie den Jungen Tango ausmacht.
Deutliche hörbare Beats treiben einige Titel an. Das faszinierende dieser mit Beats unterlegten Stücke ist dennoch die deutlich langsamere Melodieführung durch das Bandoneon, womit die Titel dezent aus der drohenden „House-Kategorie“ wieder in den Tango zurückgeholt und nicht allein dem massiven Treiben der Bass- und Rhythmusgruppe überlassen werden.
Überhaupt arbeiten Tanghetto mit allerlei kompositorischen Finessen, um den Hörer jederzeit mit gefälligen Melodien zu umgarnen, ihn abzulenken, zum Beispiel von dem Jazz, den sie, quasi als kostenlose Zugabe, gern im Hintergrund eines Titels zaubern.
Doch nicht nur der Jazz ist ihre Domäne. Neben Latinfeeling a la Antonio Carlos Jobim fühlt sich auch die ein oder andere Coverversion bei Tanghetto bestens aufgehoben. Eurythmics Sweet dreams are made of this geht als vom Bandoneon geführter Tango ebenso ins Ohr wie Stings Englishman in New York. Um den Kreis zum Jazz wieder zu schließen sei hier noch ihre frisch gespielte Coverversion von Herbie Hancocks Cantaloupe Island genannt, die den meisten von uns jedoch als Version der Band US3 durch die Titelmusik der Sendung Willemsens Woche bekannt ist.
Die downtempo Stücke, meine persönlichen Favoriten, wissen durch gute Tanzbarkeit – bisher allerdings nur im Wohnzimmer geprüft – und Tanghetto typische Phrasen zu gefallen. Für Ohrwürmer sind sie zu komplex, aber die Phrasen und Melodien klingen leicht, so als könnte man sie jederzeit, auch ohne die CD zu spielen, auswendig pfeifen. Federico Vazquez’ Bandoneonspiel hat besonders in den langsameren Stücken wie z.B. El Arte de Amar die Wehmut, die man vom Tango kennt und erwartet. Antonio Boyadjians Klavierpassagen bringen einen Anflug von Leichtigkeit. Auch aus dieser Ambivalenz zieht Tanghettos neue CD eine Spannung, die eine hohes, aber angenehmes Suchtpotenzial birgt.
Warum die CD „el miedo a la libertad“ heißt, kann man nur mutmaßen – oder in einem Interview hinterfragen. Mangels Zeit für ein Interview bleibt mir im Moment nur die Mutmaßung. Zum einen handelt es sich um die spanische Version des Buches „Die Furcht vor der Freiheit“ von Erich Fromm. Darin beschreibt Fromm die Unfreiheit des Menschen in heutiger gesellschaftlicher Position. Es geht um Sozialkritik, auch um Autoritäten und Diktaturen. Daher könnte der Titel eine politische Aussage bezogen auf Argentiniens vergangene Diktaturen oder die Wirtschaftskrise der letzten Jahre sein.
Genauso wahrscheinlich ist es jedoch, dass diese bereits zweimal Latin Grammy nominierte, sehr erfolgreiche junge Band einfach Angst vor der eigenen Freiheit hat. Sie können mit jeder neuen CD tun und lassen, was sie wollen. Vielleicht ist es die Angst, als Künstler nicht mehr akzepiert zu werden, wenn man sein Ding macht, seine Musik spielt und den Publikumsgeschmack nicht mehr trifft.
Sollte letztere These Gültigkeit haben, so sei den 6 Herren aus Buenos Aires versichert, dass sie ihre Jazz- und Latin-Ambitionen bestens in gut hörbare Partituren verpackt haben, die, nach meiner bescheidenen Einschätzung, in den nächsten Wochen die Tangocharts erstürmen werden. Auch dem eher konservativen Tanguero ist diese Scheibe durchaus zu empfehlen, denn Titel wie z.b. buscando camorra oder media persona sind durchaus als Fortführung der goldenen Tangoära mit heutigen musikalischen Mitteln anzusehen.
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