Tags: ‘Kategorie=CD Rezensierung’

etango – una hora con la realidad [CD - 2009]

un loco • 29. Juli 2009 • Im Fokus

etango_2_1000.jpg Neue CDs zu rezensieren ist immer wieder wie Wundertüten öffnen. Man weiß nie, was man bekommt. Die junge Osnabrücker Formation etango hatte ich bereits live mit einigen Gotan-Covern sowie eigenen Stücken in Ibbenbüren gehört und gesehen. Insgesamt hatte mir der Auftritt gut gefallen, wie man hier nachlesen kann. Damals hatte die Band im Interview angekündigt, bald eine eigene CD produzieren zu wollen. Außerdem hatte man festgestellt, dass die Gotan-Cover doch eigentlich Piazzolla–Cover waren, denn die nachgespielten Gotan Titel waren allesamt aus Astor Piazzollas Nuevo Tango Zyklus zusammengetragen.

Statt also die Kopie einer Kopie zu spielen, wollten etango nun eine CD mit eigenen Bearbeitungen der Piazzolla Titel präsentieren. Ich finde, dass ist ein verdammt hoher Anspruch, für eine junge Band, die erst seit kurzer Zeit zusammen spielt, von denen übrigens (bisher) niemand Tango tanzt. Und um ehrlich zu sein, habe ich in letzter Zeit zu viele Elektrotango-Gruppen gehört, deren House-Chill-Pop-Schrott wirklich nicht zu empfehlen ist.

Nun gut. Schieben wir diese Gedanken zur Seite. CD eingelegt – ein Glas gut gekühlter Regaleali steht auf meinen Arbeitstisch – Kopfhörer aufgesetzt und  los geht’s.

Meine Güte! Schon nach wenigen Takten, die ich eher als fließende Klänge wahrnehme, schleicht sich eine angenehme downtempo Klangmischung in mein Ohr. Das Akkordeon,  Violine, Maracas, E-Gitarre, Perkussion und elektronische Klänge verschmelzen zu einen modernen Chill-Klangbild, ohne jedoch die typischen Sehnsuchtsversatzstücke des Tango zu verheimlichen. Klingt sogar tanzbar, wenngleich 40 bpm vielen Tangueros eine Menge Achse abverlangen werden (den Autor dieser Rezensierung eingeschlossen)

Mit 46 bpm ist der zweite Titel nicht viel schneller, aber insgesamt spannender. Schöne, sich abwechselnde Sequenzen aus Akkordeon, beats, E-Gitarre und Echo-Elementen schaffen einerseits eine angenehme Wohlfühlatmosphäre, andererseits erzeugen sie Spannung genug, um diesem Titel 5:28 zuzuhören, ohne einen Moment Langeweile aufkommen zu lassen.

etango_3_1000.jpg 120 beats per minute schmeißt der dritte Titel in die Klangschale. Schnell und spannend genug, um zum richtigen Zeitpunkt eine Milonga anzuheizen. Dennoch ist der beat nicht gnadenlos. Nicht House sondern guter, schneller, tanzbarer Tango ist hier die Devise. Ein Gitarrensolo mit einem Hall-Sound wie aus einem Western-Titel oder in psychedelischen Werken der ausgehenden 60er zu finden, untermauert mit interessanten beats, gekoppelt mit einer sensationellen Violine, gespielt von Christiane Kumetat. Klasse!

Titel Nummer vier , Escualo, klingt absolut wie Gotan, im positiven Sinne. Der mittenbetonte Eingangsteil – klingt wie aus einem uralten, billigen Transistorradio – die Stakatto haften, mit Echo versehenen von Martin Gehrmann produzierten Akkorde. Ja, absolut. Den Titel glaubt man schon von Gotan gehört zu haben, nur das Gotan diesen Titel nie im Programm hatten. Peinlich. Die Osnabrücker jonglieren so meisterhaft mit Tönen, Tango und Themen, dass man aufpassen muss ihnen nicht auf den Leim zu gehen. Escualo entwickelt sich weiter. Mit einem Tempo von 112 ist auch er geeignet, eine Milonga voranzutreiben.

Über den fünften Titel kann ich kaum etwas schreiben, so sehr verschlägt mir die Adaption von Oblivion die Sprache.  Einerseits wird die Atmosphäre des Originalthemas originalgetreu aufgenommen, anderseits zeigt Arne Bense einmal mehr, was die Instrumentalistenbezeichnung „Programming“ bedeutet. Unaufdringlich, spannend oszillieren einige Sequenzer Passagen um sich selbst und um den Gesang der Gastmusikerin Yvonne Werner-Mees. Einiges singt sie auf französisch, später im Stück singt sie deutsch und ja, ihre gesprochene Melancholie läßt mich sofort an Marlene Dietrich denken. Mit einem 40er beat vermutlich eine absolute tänzerische Herausforderung. Vielleicht einer der Titel, die man einfach nur hörend, fühlend genießt.

Zu Vuelvo Al Sur muss man nicht viel sagen. Viele werden die Gotan Adaption kennen, Piazzollas Original vermutlich eher weniger. Etangos Arrangement ist gut, modern, gefällig, tanzbar und muss sich nicht einen Takt, nicht mal eine Achtelnote hinter Gotan Project verstecken. Ein überaus gelungener Titel.

Hatte ich vorhin gesagt, das Arne Bense zeigt, was die Instrumentenbezeichnung „Programmer“ bedeutet. Quatsch. Was das wirklich heißt, zeigt er bei „el infierno tan temido“ in Vollkommenheit. Entweder inspiriert durch YES oder Genesis der 80er Jahre oder durch Flamencotänze, vielleicht auch durch den Gang über einen orientalischen Markt, entzündet er ein Feuerwerk abwechslungsreicher Rhythmen, das die anderen Bandmitglieder gern nutzen, um mit Gitarre, Akkordeon oder was auch immer eine spannende orientalische Stimmung zu erzeugen. Tanzbarkeit. Nun, mmhh wechselnde Rhythmen und Geschwindigkeiten legen die Messlatte recht hoch, aber wer weiß…

Der neunte Titel, Verano Porteño. Wieder so ein gute Laune Titel. „Moment Mal!“ wird der aufmerksame Leser nun rufen. „Wieso gute Laune Titel?“. Stimmt, das Original hat eher einen melancholischen Charakter. Doch etango schaffen die Transformation in die gute Laune, ohne wesentliche Elemente des Originals zu verlieren. Meisterhaft. Hammond Orgel statt Klavier. “Bratgitarre” statt Bandoneon. Einfach Klasse!

Übrigens ist “Bratgitarre” nicht die einzige Variante der E-Gitarre, die Ingo Daus meisterhaft in Szene zu setzen versteht. Mal jazzig, poppig, verspielt oder auch schnörkellos. Stets ist die Gitarre mit von der Partie. Ob dominantes Solo, Akkordbegleitung oder tragendes Arpeggio. Mit Ingo Daus (Gitarre), Arne Bense (Laptop), Oliwia  Locher (Violine), Christiane Kumetat (Violine) und Martin Gehrmann (Akkordeon) haben sich fünf virtuose, moderne Musiker zusammengefunden, denen ich zutraue, dem Tango dauerhaft neue Impulse zu geben.

Es folgt Oblivion als Instrumentaltitel. Violine, hier gespielt von Oliwia  Locher, sowie Akkordeon ersetzen Yvonnes Stimme. Beide Versionen, vokal und instrumental gefallen mir sehr gut. Vermutlich ist es stimmungsabhängig, welchem Titel man den Vorzug gibt.

Zur Abrundung gibt’s noch eine Version vom Libertango und… die Stunde ist wie im Flug vergangen.

Alles in Allem sind die Werke gut hörbar ohne zu gefällig zu sein, mit Charakter, Wiedererkennungswert und – Profil.

Danke für diese schöne Stunde Wirklichkeit.

Hörproben gibt es hier.
Zur Homepage der Band…


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Tanghetto – el miedo a la libertad [CD] 2008

un loco • 6. März 2009 • CD der Woche

Hörproben bei Danza y MovimientoTanghetto nähern sich dem Thema des „Jungen Tango“ (tango joven) gleich von mehreren Seiten. 12 Titel sind auf der neuen Studio CD „el miedo a la libertad“ zu finden. Exzellent produziert, vom ersten Ton des Bandoneons eindeutig als Tanghetto identifizierbar, machen die 6 Musiker klar, was für sie den Jungen Tango ausmacht.

Deutliche hörbare Beats treiben einige Titel an. Das faszinierende dieser mit Beats unterlegten Stücke ist dennoch die deutlich langsamere Melodieführung durch das Bandoneon, womit die Titel dezent aus der drohenden „House-Kategorie“ wieder in den Tango zurückgeholt und nicht allein dem massiven Treiben der Bass- und Rhythmusgruppe überlassen werden.

Überhaupt arbeiten Tanghetto mit allerlei kompositorischen Finessen, um den Hörer jederzeit mit gefälligen Melodien zu umgarnen, ihn abzulenken, zum Beispiel von dem Jazz, den sie, quasi als kostenlose Zugabe, gern im Hintergrund eines Titels zaubern.

Doch nicht nur der Jazz ist ihre Domäne. Neben Latinfeeling a la Antonio Carlos Jobim fühlt sich auch die ein oder andere Coverversion bei Tanghetto bestens aufgehoben. Eurythmics Sweet dreams are made of this geht als vom Bandoneon geführter Tango ebenso ins Ohr wie Stings Englishman in New York. Um den Kreis zum Jazz wieder zu schließen sei hier noch ihre frisch gespielte Coverversion von Herbie Hancocks Cantaloupe Island genannt, die den meisten von uns jedoch als Version der Band US3 durch die Titelmusik der Sendung Willemsens Woche bekannt ist.

Die downtempo Stücke, meine persönlichen Favoriten, wissen durch gute Tanzbarkeit – bisher allerdings nur im Wohnzimmer geprüft – und Tanghetto typische Phrasen zu gefallen. Für Ohrwürmer sind sie zu komplex, aber die Phrasen und Melodien klingen leicht, so als könnte man sie jederzeit, auch ohne die CD zu spielen, auswendig pfeifen. Federico Vazquez’ Bandoneonspiel hat besonders in den langsameren Stücken wie z.B. El Arte de Amar die Wehmut, die man vom Tango kennt und erwartet. Antonio Boyadjians Klavierpassagen bringen einen Anflug von Leichtigkeit. Auch aus dieser Ambivalenz zieht Tanghettos neue CD eine Spannung, die eine hohes, aber angenehmes Suchtpotenzial birgt.

Warum die CD „el miedo a la libertad“ heißt, kann man nur mutmaßen – oder in einem Interview hinterfragen. Mangels Zeit für ein Interview bleibt mir im Moment nur die Mutmaßung. Zum einen handelt es sich um die spanische Version des Buches „Die Furcht vor der Freiheit“ von Erich Fromm. Darin beschreibt Fromm die Unfreiheit des Menschen in heutiger gesellschaftlicher Position. Es geht um Sozialkritik, auch um Autoritäten und Diktaturen. Daher könnte der Titel eine politische Aussage bezogen auf Argentiniens vergangene Diktaturen oder die Wirtschaftskrise der letzten Jahre sein.

blind_date_255x88.jpgGenauso wahrscheinlich ist es jedoch, dass diese bereits zweimal Latin Grammy nominierte, sehr erfolgreiche junge Band einfach Angst vor der eigenen Freiheit hat. Sie können mit jeder neuen CD tun und lassen, was sie wollen. Vielleicht ist es die Angst, als Künstler nicht mehr akzepiert zu werden, wenn man sein Ding macht, seine Musik spielt und den Publikumsgeschmack nicht mehr trifft.

Sollte letztere These Gültigkeit haben, so sei den 6 Herren aus Buenos Aires versichert, dass sie ihre Jazz- und Latin-Ambitionen bestens in gut hörbare Partituren verpackt haben, die, nach meiner bescheidenen Einschätzung, in den nächsten Wochen die Tangocharts erstürmen werden. Auch dem eher konservativen Tanguero ist diese Scheibe durchaus zu empfehlen, denn Titel wie z.b. buscando camorra oder media persona sind durchaus als Fortführung der goldenen Tangoära mit heutigen musikalischen Mitteln anzusehen.

Hörproben gibt’s wie immer bei Danza y Movimiento. Denkt dran. Hörproben gibt es dort, genau wie bei uns, nur für registrierte Benutzer.


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Urbango – Eduardo Baró [CD] 2005

un loco • 17. November 2008 • CD der Woche

urbango Eduardo Baró ist ein argentinischer Musiker, der seit einigen Jahren in Belgien lebt. Um sich ein Stück seiner Heimat zu bewahren, spielt er argentinische Musik. Hautptsächlich Tangos. Seine Band namens Urbango gründete er 2005. Im selben Jahr veröffentlichte er in Eigenregie eine CD mit dem schlichten Namen „Eduardo Baró – Urbango“.

Er singt, spielt Gitarre und Sopran Saxophon. Seine muiskalischen Begleiter sind Catherine Smet am  Klavier und Patrick Vankeirsbilck am Bandoneón.

Als ich den Namen Urbango zum ersten mal las assoziierte ich eine Electrotangoband. Einige Tage zuvor hatte ich gerade eine ganze Reihe CDs einfallsloser Electrotangobands gehört und dachte: „Oje, bloß nicht noch eine dieser langweiligen Bands!“

Einem Bauchgefühl folgend bestellte ich trotzdem Urbango bei DYM. Die erste angenehme Überrraschung stellte sich ein, als ich die CD umdrehte und die Titel- bzw.  Autorenliste las: El Llorón, Milonga Sentimental, El Choclo, Cadicamo, Marcucci, Pedro Laurenz und nicht zuletzt Astor Piazzolla sind Titel bzw. Komponisten, die mein Herz höher schlagen liessen.

Nun, mutig die CD eingelegt und gelauscht, was da passiert.

Mit den ersten Klaviertakten des ersten Titels – El Llorón – kann ich ein Grinsen nicht unterdrücken. Zugegeben, „El Llorón“ ist, auch in der Canaro-Version eher eine langsam vorgetragene Milonga. Doch Urbango schaffen es, diese Geschwindigkeit deutlich zu unterbieten. Mit der Geschwindigkeit eines gewöhnlichen Tangos (60er Puls) tröpfelt das Klavier, nicht ohne fröhlichen Unterton vor sich hin, bis nach einigen Takten die Stimme Barós einsetzt. Kräftig, angenehm, Bassbariton? Ich bin nicht sehr sicher in der Zuordnung von Männergesangsstimmen zu Stimmgenres, darum vergleiche ich lieber: Ein bisschen Alfredo Zitarrosa, ein bisschen Hector Varela. Allerdings ohne den Pathos der beiden zu erreichen. Gut so! Klar, ehrlich, erdig. So könnte man diese Stimme mit einem guten Roten vergleichen. Nach der Hälfte des Titel wechselt die Geschwindigkeit und spätestens jetzt merkt der geneigte Tänzer, dass er eine Milonga tanzt.

Nach El Llorón folgt Milonga Sentimental. Gitarren betont, könnte komplett von Alfredo Zitarrosa stammen. Herrlich. Pedacito de cielo ist ein wunderbar weicher Vals mit französisch anmutendem Klang. El Choclo beginnt ungewöhnlich, mit einem Sopran Saxophone und trägt uns mit vertrauten Melodien weiter zu zum Gesangseinsatz Eduardo Barós.
Tangobands, vulgo Trios, Cuartetos, Quintetos gibt es einige. Auch viele gute, doch Bands mit guter Gesangsstimme sind eher rar.

Urbango zeigen auf dieser CD was mit einem Trio (Cuarteto)  alles möglich ist. Tangos, Milongas, Valses, Chacareras. Alte Schinken – neue Eigenkompositionen. Auf dieser CD sollte für jeden etwas dabei sein und dennoch ist es kein Mischmasch. Ganz im Gegenteil. Der musikalische Qualitätsanspruch ist bei jedem Ton hörbar, ohne dass die Spontaneität darunter leidet. In Belgien lebend, mit seiner Nähe zu Argentinien, steht Eduardo Baró übrigens ganz in der Tradition Dirk van Esbroecks, der im letzten Jahr verstorben ist.

Ich bräuchte noch einige Meter Papier, um die weiteren Titel der CD zu beschreiben. Leider sind meine Papiervorräte begrenzt, darum verweise ich auf die Hörproben in unserem Magazin und bei DYM.

Fazit: Tango Aficionados sowie Freunde guter Weltmusik  können diese Scheibe unbesehen kaufen. Für mich ist Urbango eine wirkliche Entdeckung. Ich freue mich darauf, die Band live zu hören und zu sehen.

Ach ja, seit einigen Tagen gibt es eine Nachfolge Scheibe, die in Kürze ebenfalls hier besprochen werden wird.


Links:


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Putumayo – Tango Around the World [CD]

un loco • 17. November 2008 • Gut aufgelegt

putumayo.jpgBock auf ‘ne Tangoreise und nur zwanzig Euro in der Tasche? Macht nix! Mit dieser CD bist du auf dem besten Wege zum kosmopolitischen Tanguero / Tanguera. Also bitte Tickets und Passport bereithalten!

Die Reise startet im Senegal mit OUSMANE TOURE, der nach dem tragischen Unfall seines Bruders diesen einige Jahre als Frontsänger in der Afro-Pop-Gruppe Touré Kunda vertrat. Die Auskopplung „Dimba“ von Ousmane Toures Soloalbum stellt die musikalische Einleitung zu unserer kleinen Weltreise dar. Vom brüllend heissen Senegal geht es weiter ins ebenso heisse Finnland, zumindest was den Tango oder den Vodkaverzehr angeht. Für Erkundefreaks „Merke: Finnland – rechts von Schweden.“ Ja, es geht zu M.A.Numminen, dem Kaurismäki der dortigen Tangoszene. Neben seinen, meist mit deutschen Texten versehenen Tangotiteln schreibt er auch (Tango)Bücher. „Kangastus“ , intoniert mit dem Neo Rustic Tango Orchestra, ist ausnahmsweise mal eine schöne Instrumentalnummer, die ebenso schwermütig klingt wie finnischer Vodka schmeckt.

Weiter bringt uns das Weltreise-Allround-Ticket nach Buenos Aires, zu Daniel Melingo. Unser Transportmittel hätte uns genausogut nach Spanien tragen können – nur für Erdkundefreaks: ein südeuropäischen Land unterhalb Frankreichs – denn dort hat Daniel Melingo ebenfalls eine Zeit gelebt. Der Titel „Leonel El Feo“ , ein Loblied auf den Tanguero Edmundo Rivero verklingt nicht, ohne uns einen indischen Stempel – in Form einer ins Arrangement geschmuggelten Tabla – zu hinterlassen: Genau hinhören! Mehr zu Daniel Melingo gibt es in anderen Beträgen diesen Magazins zu lesen. Also hechten wir zur Brasilianerin Fortuna, die uns nach der Veröffentlichung diverser Alben mit Klezmer, jiddischen Liedern und Ladino-Liedkunst jetzt mit einem schönen Tangoklezmer erfreut: Ihr „Tango Idishe“ basiert auf „Spiele mir a Liedele in Jiddish“.

Von dort wieder zurück nach Buenos Aires, zum Gitarristen, Composer und DJ Federico Aubele, dem Porteño, der es begnadet gut versteht, Tango mit Chill zu mischen, ohne daß der so entstehende Salat ungeniessbar wird und der – armer Kerl – noch dazu mit seiner Haarpracht aussieht wie die südamerikanische Ausgabe Atze Schröders. Bereits sein Erstling, erschienen bei den Machern der Thievery Corporation, war herausragend; auf seiner zweiten Scheibe„Panamericana“ findet sich „Pena“, so eine Art Tango-Bolero. Puhh, kleine Pause? Nein, also weiter! Sverre Indris Joner, Pianist, Composer und Producer lockt uns mit Electrocutango nach Norwegen – links von Schweden. Seit seinem Studium in Oslo ist er Latin-Music-Lover; in Havanna perfektionierte er sein Können und Wissen. Heutzutage spielt er ausserdem noch bei Tango for 3. Sein Titel „Felino“ kommt eindeutig, wie nicht anders zu erwarten, aus der Elektotango-Ecke.

Souflaki und Tzaziki mögen grundsätzlich die Leibspeisen des Duos „Alexis kalofolias und Thanos Amorginos“ sein. Ihr Titel „Gia Ligo“ entfaltet da andere Duftnoten: Loops von Danae Sratigopoulou aus dem Jahre 1948, grooviger Beat, weitere Gewürze a la Art of Noise. Lecker! Der serbische Sänger und Gitarrist Novi Sad lockt uns durchaus mit landestypischen Zutaten in sein Land; dazu spanische, russische und sogar indische Klänge aus Klarinetten und Trompeten, gepaart mit orientalischen Rhythmen, „Gipsy Tango“ eben. Liana kommt aus Portugal, wohnt und arbeitet in ihrer Lieblingsmetropole London. Dort hat sie ihr Album fado.pt erstellt und lässt uns gern daran teilhaben. Ihr Beitrag zur musikalischen Weltreise, “Estrela Da Tarde” (Abendstern), ein Hybrid aus Fado, Tango, Elektro und mehr weiss auf Anhieb zu gefallen.

Auf nach Paris, um dort einen Argentinier zu treffen und zu hören: Juan Carlos Cáceres gräbt die Murga, einen Vorläufer des Candómbe, die wiederum Vorläufer der Milonga, die wiederum Vorläufer des Tango… Ach lassen wir das. Jedenfalls gräbt er diesen spannenden afrikanischen Tanz aus, um ihn in gefälliger Form zu präsentieren. Stimme wie Melingo, Rhythmus wie Milonga, Na prima. Jetzt nochmal über’n grossen Teich , ab nach Argentinien zu Hugo Diaz, dem Mann, der statt eines Bandoneons eine Mundharmonika benutzt um den Tango zu weinen. „Mi buenos Aires querido“, um genau zu sein.

So, Passport voller Stempel, tolle Musik im Kopf und in den Beinen, nicht mal 20 Euro bezahlt. Was will man mehr?

Weitere Hörproben gibt’s wie immer bei DyM.


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Stefan Grasse – Adios Nonino [CD]

dandy • 1. Oktober 2008 • CD der Woche
stefan_grasse.jpg

CD

Im Grossstadtdschungel prägnanter Stammtischparolen wildernd, würden Halbsätze wie „Hammersound“, „präzise und schnell wie Al di Meola“ und „samtig wie Heidi Klums Haare“ klar ins Schwarze treffen. Doch nach wildern ist mir nicht.

Statt dessen sitze ich entspannt auf der Terrasse und lausche bei einem gut gekühlten 2007er Regaleali Bianco den ersten Tönen der CD „Adios Nonino“ von Stefan Grasse. Nicht zufällig spiele ich den dritten Titel – Adios Nonino – zuerst. Schon immer haben mich Variationen fasziniert. Beim Wein ebenso wie bei der Musik. Oft leiden Variationen von „Adios Nonino“ unter dem Entfall des Bandoneón und präsentieren sich als bessere Version von „Jugend versucht sich an der Gitarre“. Farblos eben.

Stefan Grasse dagegen powert mit seinem Septett derart, dass niemand das Bandoneon wirklich vermisst. Gestrichene und gezupfte Geigen übernehmen mehr als virtuos den Part desselben.

Mit dem zweiten Schluck perlt eine feine Säure über meine Zunge während von Stefan Grasses Gitarre feinste Akkorde in meine Ohren perlen, angereichert mit einem jazzigen Bass und brilliant hamonierender Percussion.

Grasse arrangiert Piazzollas Bandoneon Hamonien so geschickt um, dass ein permanenter Wechsel der Instrumente für eine durchlaufende Melodielinie sorgt. Einfach genial. So ganz nebenbei ist Stefan Grasse ein dezenter Virtuose. Der Geniesser unter den Hörern wird all die technischen Fähigkeiten hören und sich an ihnen erfreuen. Der Romantiker wird eher den Gesamteindruck lieben: Fein, differenziert, samtig und niemals lieblich. Mit einem Hauch von Säure. Sprach ich jetzt eigentlich von der CD oder vom Wein?

Allein über Grasses Version von „Adios Nonino“ könnte man seitenweise Papier füllen, ebenso über die anderen perfekt eingespielten Titel wie Cafe 1930, La Muerte del Angel, Verano Porteno und andere.

Doch die Zeit rast vorbei, das Weinglas leer, die CD abgedudelt und ich habe so ein debiles Grinsen im Gesicht. Ob’s am Wein liegt?

Fazit

Musik zum Hören – für Liebhaber der filigranen Töne. Tanzbarkeit ist hier kein Thema. Und wer ausser seiner Affinität zum Tango selbst Gitarre spielt, sollte sich diese CD schenken (lassen). In 60 Tagen ist schliesslich Weihnachten!

Vita

Stefan Grasse, 1962 in München geboren, studierte Jazz- und klassische Gitarre bei Peter O’Mara (Jazz School München), Kurt Hiesl (Meistersinger-Konservatorium Nürnberg), Phillip Thorne (Royal Scottish Academy of Music and Drama, Glasgow) und Pepe Romero (Internationale Sommerakademie Salzburg).
Er erhielt Stipendien des Bayerischen Rundfunks, den „Guitar Challenge Prize 1991“ der Royal Scottish Academy, den „Scottish Society of Composers’ Award 1991“, den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg (Nürnberg-Stipendium 1996) und den Kulturpreis 2004 des Kulturforums Franken.
Seine Konzerttätigkeit führte ihn nach Schottland, England, Österreich, Ungarn, Italien, Slowenien, Tschechien, Mazedonien, Australien, China und den USA (mit dem “Concierto de Aranjuez”).
Neben seiner Tätigkeit als Konzertgitarrist und Musikproduzent ist Stefan Grasse künstlerischer Leiter der “Nürnberger Gitarrennächte” sowie Lehrbeauftragter an der Universität Erlangen-Nürnberg.

CD – Hörprobe und Kauf

Schau auf unsere Hörprobenseite, dort findest du mehr.
Kaufen kann man die CD beim Label, also bei Galileo.

- Daniel Diegert -


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Marful – CD-Empfehlung

un loco • 22. Juni 2008 • Gut aufgelegt

Wer Quadro Nuevo mag, wird Marful lieben. Excellente Musiker aus Galicien sind hier angetreten uns eine Melange aus Rhythmen und Harmonien vergangener Zeiten zu präsentieren. Der typische Klang Marfuls basiert ebenso wie bei Quadro Nuevo nicht zuletzt auf dem Zusammenspiel des diatonischen Akkordeons und der Bassklarinette.

Abweichend vom Instrumentarium Quadro Nuevos wird Marful durch eine wunderbare Frauenstimme ergänzt. Ugia Pedreira wärmt uns mit ihrer Stimme, verführt uns, reibt sich an uns, kokettiert mit ihrer Weiblichkeit. Eine echte Bereicherung für eine ohnehin schon wunderbare, perfekt gespielte Musik: Tangos, Vals’, Habaneras und Pasodobles.

Beim Hören der CD vergeht die Zeit wie im Flug, jede noch so trübe Stimmung ist wie weggefegt. Ein Titel schöner als der andere zu hören, wobei mein Liebling Habaneira da fin ist, kein Wunder. Klingt der Titel doch wie die Essenz guter Quadro Nuevos mit Gesang.

Fazit: Kaufen, Hören, gut Fühlen.

Meinen Lieblingstitel gibt’s als Hörprobe in voller Länge auf unserer Hörprobenseite, die gesamte CD als Hörprobe bei Amazon.

zeitstempel: 23sep2007 21:46


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Orquesta Tipica Victor

dandy • 22. Juni 2008 • Gut aufgelegt

orquestra_tipica_victor.jpgEs gibt zwei Arten von Menschen: Moderne und andere.

Mich zählt man wohl eher zu den anderen. Obwohl mit 38 noch jung an Jahren, hängt mein Herz eher an altem Zeug. Autos aus vergangenen Epochen, mechanische Uhren, Herrenschokolade und ja – alte Tangomusik begeistern mich. Meine alte Kiste fährt mich überall hin und meist jaulen Keilriemen, Kassettenrecorder und Tango um die Wette. Oft gewinnt der Keilriemen, vor allem im Winter, aber jetzt möchte ich euch eine meiner Lieblingskasssetten vorstellen.

Im Handschuhfach haben mindestens zwanzig alte Kassetten ein dauerhaftes Zuhause gefunden, von den meisten kann ich nicht mal sagen, ob ich sie vor Jahren von Schallplatten aufgenommen habe oder ob man sie mir geschenkt hat. Wie dem auch sei – eine meiner Lieblingskassetten ist mit “Orc. Tipica Victor” beschriftet, dazu hab ich ein vergilbtes Einlegeblatt, auf dem die Titel abzulesen sind.

Gleich der Opener – Pato y negro – gefällt mir so gut, das ich Peter gebeten habe, es als Hörprobe ins Netz zu stellen. Ein stampfender Rythmus, den selbst der Tangoanfänger sofort in gleichmässige Bewegung umzusetzen weiss, Bandoneon, Klavier und Streicher ergeben das altbekannte Bild. Einiges geht im Rauschen unter. Liegt’s an der Aufnahme oder am Kassettenrecorder – wer weiß das schon? Und dann diese Stimme. Roberto Diaz schwingt sich stimmlich in schwindelerregende Höhen. Einfach traumhaft. Dafür gibt es 6 Sterne, auch für dieTanzbarkeit.

Eigentlich sind alle Titel gut. Mir gefallen besonders Coqueta, Fumando espero, Negro, Viejo rincón, La payanca, Re Fa Si, ….. alle Titel halt.

Die von Peter hochgeladene Hörprobe – Pato y negro – findet sich auf der Hörprobenseite, weitere gibt es bei Amazon, siehe oben. Die angezeigte CD entspricht am ehesten meiner alten Kassette.

6sterne.gif

 

Daniel Diegert

timestamp: 11aug2007 – 21:14


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



New Tango Orquesta – Bestiario [CD-Kurzinfo]

un loco • 6. Juni 2008 • CD der Woche

new-tango-orquestra-400.jpgNicht nur Billy, Klippan und Rationell, nein auch Peter Gran (E-Gitarre), Thomas Gustavsson (Klavier), Josef Kallerdahl (Kontrabass), Livet Nord (Geige), Per Störby (Bandoneon) und Johanna Dahl (Cello) kommen aus Schweden.

Der Pressetext versucht eine Beziehung zu Piazzolla herzustellen, doch dieser Vergleich würde den jungen Schweden nicht gerecht. Ja, Piazzolla schwingt mit. Doch genauso Metallica, Keith Jarrett, Eberhard Weber und einige andere. Was diese Rasselbande produziert ist so farbenfroh, das der Ikeakatalog dagegen so blass aussieht wie Papi nach ‘ner beschleunigten Fahrt im Kettenkarussell. Alles Eigenkompositionen. Hut ab. Auf so eine Truppe hab ich schon lang gewartet. Tanzbarkeit? Eher für Fortgeschrittene! Hörbarkeit: Affengeil. Von Klassik bis Metal – alles dabei. Zum Hören verweise ich auf die Website der Gruppe.

‘Ne Plattenbesprechung gibt’s noch separat auf diesem Sender.

Alle Hörproben oder kaufen bei Danza y Movimiento.


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



CD – Reviews

un loco • 29. Mai 2008 • News

… im Umbau …


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Wer ist Soledad Sacheri?

un loco • 17. Mai 2008 • Talentsucher

soledad_sacheri.jpegAuf der Suche nach Informationen zu Piazzollas “Años des Soledas”, ein Titel den er 1974 zusammen mit Gerry Mulligan in Italien einspielte, fütterte ich die Suchmaschine Google mit “Piazzolla Soledad” und war mehr als überrascht auf dieser legalen Musikplattform zu landen. Künstler können dort Ihre Titel, meist in Demolänge von 30 Sekunden, anbieten.

Die Suche hatte mich dorthin geführt, weil eine junge Sängerin namens Soledad Sacheri einen Titel Piazzollas singt. Soweit, so gut. Sieben Tangomusikstücke bietet sie dort in voller Länge zum Hören und zum Download an.

Was soll ich sagen. Beginnen wir den drei Klassikern Mi Buenos Aires Querido, Uno und El Choclo. Soledad Sacheri belebt diese angestaubten Musikstücke mit kristallklarer, weiblicher jedoch kräftiger Stimme. Die instrumentelle Begleitung besteht wechselnd aus Klavier, Bandoneón, Geige und Gitarre.

Tinta Roja ist mir als Version Alfredo Zitarrosas bekannt. Im Vergleich dazu singt sie geradezu fröhlich, jedenfalls ohne Pathos. Um gleich bei der Fröhlichkeit zu bleiben. Mit Canaros Milonga Se Dice De Mi landet Soledad Sacheri einen Volltreffer. Ihre Version bringt den verschnarchtesten Milonguero auf die Tanzfläche und Fröhlichkeit auf die Gesichter der Zuhörenden.

Viele Sängerinnen versuchten sich bereits an Los Pajaros Perdidos, doch nach meinem Eindruck rutschen sie oft ins pathetische, teilweise gar schmalzige ab. Nicht so Soledad Sacheri. Auch hier besticht ihre Interpretation durch Klarheit, Brillianz und künstlerischen Ausdruck.

Volver, von der Nachtigall der Pampa , Carlos Gardel in den Tangohimmel erhoben und auf Grund des grossen Respekts vor Gardel nur von wenigen als Tango Canción interpretiert, wurde in den letzten Jahren gleich von zwei jungen Frauen bestens stimmlich umgesetzt. Über die Flamenco Version Estrella Morentes als stimmliches Double Penelope Cruz’ im Film Volver berichteten wir bereits an anderer Stelle. Soledad Sacheri schafft es auch hier mühelos, die Atmosphäre des Originals in die Neuzeit zu transportieren.

Trotz intensivster Recherche konnte ich über Frau Sacheri nichts in Erfahrung bringen. Die bereits erwähnte downloadseite hält ein paar nicht nennenswerte Floskeln bereits. Keine emailadresse. Kein Telefonnummer. Kein Plattenlabel. NIX. Sehr bedauerlich.

Hörproben sowie die kompletten Songs in Eins-A-Qualität legal zum download gibts hier. Viel Spaß beim Hören und Tanzen.



Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.