Rezension Patrick Stern – Hafentango
Von Gastwriter • 23. Februar 2008 • Kategorie: Reportage •Hafentango in Hamburg auf der Meile – Ein Abend im Januar 2008 im La Yumba (von Martin Hallier)
Der Tango ist nicht nur Tanz; er ist vielmehr eine (städtische) Volksmusik, in der sich das ganze Leben der Einwanderer und Zuwanderer, mehr der kleinen als der großen Leute, in einer überaus reichen Palette an Farben, vielfältigen Eingebungen und Emotionen widerspiegelt. Die Straßenbahn am frühen Morgen mit denjenigen, die zur Arbeit fahren müssen und denen, die nach durchzechter und durchtanzter Nacht nach Hause fahren, die Fuhrwerke wie das mit den treuen Zugtieren Manoblanca und Porteñito, die noch eine kleine Portion Kraft aufbringen sollen, um den heimischen Stall zu erreichen; die vielen Episoden von enttäuschter Liebe, von Verrat und Eifersucht, von Geld, Glanz und Knast, Glücksspiel und Gebet, Aufstieg und Fall, kaum etwas, was nicht im Tango abgebildet und erzählt wird.
Unsterblich und unvergesslich sind viele dieser Tangos den Porteños auf beiden Seiten des La Plata im Ohr, selbst wenn sie den Tanz heute kaum noch ausüben. Für viele, denen der Tango begegnete, waren die Textinhalte eine Herausforderung, darin mehr zu entdecken. So entdeckten wir den rätselhaften Slang des „lunfardo“, der es schwer macht, Textinhalte zu dechiffrieren, wenn man kein Porteno ist. Schnell ahnte man, wie sehr der Tango auch Wort und Text ist, Erzählung, unverzichtbar als würdiger Gegenpart zu seinen Melodien.
Das La Yumba hat diesem Umstand schon oft und mit gelungenen Veranstaltungen dem Tango in seiner nicht ausschließlich getanzten Ausrichtung eine Bühne geboten. So war es der originelle Versedichter und Tanguero Albrecht Schnitzer, der für das Amüsement einmal nicht der Beine, sondern der Hirne bei seinen Matineen sorgte: Buchpräsentationen, bei denen Rezitation mit Musik statt einer Tanzkapelle im Mittelpunkt standen.
Anfang des neuen Jahres war es ein knapper Hinweis auf eine CD- Vorstellung, die zusätzlich zu einem bereits geplanten Live- Konzert im La Yumba am Freitag, den 11. Januar, dort stattfinden sollte. So las ich zum ersten Mal von Patrick Stern und seiner neuen CD mit argentinischen Tangos in deutscher Übertragung. Ein Abend, den ich nicht verpassen durfte.
Der Abend verhieß zunächst bei seiner Ansage zunächst nichts Gutes. Sollte das Ansagemikrofon etwa das Gesangsmikro sein? Schon kamen Rufe aus dem Publikum, es sei nichts zu verstehen. Als Patrick Stern das Mikro in die Hand bekam, rückte immerhin das technische Problem mit einer nicht perfekten Anlage in den Hintergrund, denn seine Stimme kam klar zu Gehör. Sofort wurde ich durch die unaufdringliche, aber durchaus messerscharfe Artikulation und die weiche und melodische Stimme an Horacio Molina erinnert, der den Tango als Chanson zum Hören vertritt und nicht als Sänger großer Bands bekannt wurde.
Nicht nur ein Schmaus für die Ohren, auch ein intellektueller Genuß, denn er hat „seine“ Tangos nicht „einfach nur“ übersetzt. Er hat sie umgedichtet, weiterentwickelt, sie spielen auf einmal in neueren Epochen oder an anderen Orten. Immer ist es jedoch die uns vom Tango atmosphärisch umgebende Melancholie, der er in seinen deutschen Texten ganz nah bleibt. So lenkt er den Blick auf Protagonisten des Tango wie Malena mit der dunklen Stimme, in der so viel an Bitterkeit mitschwingt oder auf eine gescheiterte „Mina“ im Schatten ihres einstigen Glanzes.
Der Tango über das alte Hotel Victoria, mit ihm eine Erinnerung an eine jäh enttäuschte Liebe; dieses Tangolied begegnet uns oft instrumental, denn kaum wurden wir verwöhnt mit gesungenen Versionen dieses alten Tangos. Die deutsche Version lässt uns teilhaben an den quälenden Erinnerungen, die mit diesen Mauern verknüpft sind auf weit längere Zeit, als dieses Hotel in seinem einstigen Glanz überleben wird.
Auch einem alten Auto, hierzulande nur mehr kaum zu sehen, wird ein nostalgisches Stück Erinnerung gewidmet, indem es herausgeputzt noch einmal in der Sonne und im heutigen Hamburg gefahren wird, eine solche alte gemütlicher Oldtimer- Dame wie die „Déesse“, die die profane Diskussion um Spritverbrauch und Abgasreinigung für einen wehmütigen Augenblick vergessen lässt. Dass dieses Thema auch schon die Tangodichter vor einigen Jahrzehnten beschäftigte, ist nur ein erneuter Beleg für die bodennahen und kaum akademisch überhöhten Tango- Liedtexte.
Eine gekonnte Übersetzung der turbulenten Ereignisse bei dem Wohltätigkeitsball („La podrida“) – da müssten wohl gestandene Sprachjongleure wie Gisbert Haefs her, um so etwas ins Deutsche zu bringen – würde ich mir als eine solche Arbeit wünschen, die die skurrilen Notizen einer schrillen Gesellschaft aus lauter überdrehten Karikaturen uns erschließt. Es fehlt noch der breite Nachweis für die deutschen Tangohörer, wie sehr neben der klischeehaft bekannten Melancholie auch ein guter Humor und ein wacher Blick den Tango und seine Texte geprägt hat.
Der Vortrag von Patrick Stern ist ein wenig Chanson, ein wenig plaudernde und augenzwinkernde Erzählung. Es fehlt – glücklicherweise – das kraftvolle Pathos, mit dem leider manche Tangos überfrachtet wurden. Für diese kleinen und sehr persönlichen Gedanken ist eine solche halblaute Formulierung genau stimmig. Von „El Pólaco“, dem Sänger Roberto Goyeneche, sagte man in den letzten Jahrzehnten seiner Laufbahn, als seine Gesangsstimme brüchig wurde, dass er zwar nicht mehr gut singen könne, es [den Tango] aber in vortrefflicher Weise sage. Für alle erklärten Anhänger dieses Sängers sind all die späteren Aufnahmen Belege für eine Reifung, die nicht eine große Stimme, sondern die Präzision des Wortes, des Satzes und der Phrasierung der Zeilen erfordern, um die textliche Botschaft der Tangolieder zu transportieren. Bei Patrick Stern stimmte Wort, Vortrag und die Musik überein; das musikalische Ambiente echt zu gestalten, war ihm kein oberflächliches Anliegen, der Ausgestaltung der Bergleitarrangements hat er nicht dem Zufall, sondern den Musikern aus Buenos Aires und Montevideo überlassen. Dazu an dieser Stelle hier mein – nicht maßgebliches – ausdrückliches Kompliment!
Man kann/ muss sich die Texte genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Auch ein Robert Gernhardt verschaffte sich nicht Gehör durch Lautstärke oder Pathos, sondern durch Witz und Pointe, von ihm selbst mit größter Sparsamkeit über die Zungenspitze geschoben und mit der knackigen Frische eines bunten Salats „à point“ serviert. Patrick Stern lächelt dazu, sucht den Blickkontakt mit seinem Publikum, sucht die Wirkung seines Vortrags zu verfolgen, möchte uns etwas anderes als Belangloses nahe bringen.
Ich wünsche mir mehr Tangokultur, die über den deutschen Text sich auch vielen erschließt, die leider nicht spanisch verstehen können. Oder auch andere argentinische Literatur und Musik wie die poetischen, witzigen und pädagogisch sehr wertvollen Lieder der María Elena Walsh, die ich mir zur Entdeckung durch das Publikum hierzulande auch auf Deutsch wünsche. Patrick Stern macht mir Mut dazu, so etwas zu versuchen.
Bei ihm ist es kein gutgemeinter Versuch geblieben; seine Versionen sind rundum gelungen, und ich wünsche ihm, dass er auch Gelegenheit bekommen wird, seine Tangos in der deutschsprachigen Umgebung persönlich vorzutragen. Ich empfehle, die Gelegenheit dazu nicht zu versäumen.
-Martin Hallier-
Auf Patrick Sterns Homepage gibt es zu allen Titeln kurze Hörproben. Hier gibt es unsere CD-Besprechung mit Hörprobe.
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