Luis Borda Ensemble: Chicas de otros barrios [CD]
Von Gastwriter • 7. April 2009 • Kategorie: CD der Woche, Im Fokus •
2008    LC 18386   enja records 9190
Nach der 2006 in Buenos Aires produzierten CD „El alba“ hat Luis Borda nun wieder in Deutschland eine CD veröffentlicht, die bei dem Jazzlabel enja Records 2008 erschienen ist, wo auch der von ihm gestaltete Soundtrack zu „12 Tangos – Adiós Buenos Aires“ erschien.
Es ist eine sehr persönliche und stimmungsvolle Aufnahme, betont Luis Borda selbst, deren Titel sich daraus ableitet, dass sich hier einige Frauen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zur universalen Musik des Tango zusammenfinden, die alle beim Zusammenspiel so gut harmonierten, dass ihm während des Zusammenspiels die Eingebung für den Titel kam: „Mädchen aus anderen Vierteln“; das gilt nicht nur für das innige Verständnis der Sängerin Lidia Borda aus Buenos Aires mit der Cellistin Paula Pomeraniec aus Mar de Plata, das kann ebenso auch gelten für die ständigen Mitglieder des Luis Borda Ensembles, in dem sich Musiker aus Moldavien, aus der Ukraine, aus Georgien und Deutschland bzw. Argentinien zusammengefunden haben.
Es geht flott und tanzbar los mit einer Tango- Milonga, instrumental, komponiert von Luis Borda, „IronÃa de salón“; passagenweise jedoch in der Zwiesprache verlangsamt, zu der sich wieder andere Stimmen gesellen und gemeinsam wieder Tempo aufnehmen, spannend und sicher nicht so ganz einfach, wenn man es tanzt. Eben wie bei dieser Form der flotten Tangos der Alten Garde aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, mit den (berüchtigten) getanzten „cortes y quebradas“. Schon beim zweiten Titel kommt LÃdia Borda hinzu und singt eine nachdenkliche Version von „Martirio“, einem Tango von Discépolo aus dem Jahr 1940, der von der quälenden Verzweiflung einer Verlassenen spricht, die sich nicht von der Sehnsucht nach demjenigen lösen kann, der nicht mehr kommen wird. Wir hören eine LÃdia Borda mit klarer, voller, jedoch nicht pompös überladener Stimme; sie trägt diese schicksalsschweren Textinhalte sehr glaubwürdig vor. Hier wird das sentimiento, Emotion, zelebriert, solche Tangos sind eher zum Hören als zum Tanzen geeignet.
Das nächste Stück leitet über zu einer ganz anderen Epoche des Tango. Der „Tango nuevo“ von Astor Piazzolla war zunächst nicht als Musik zum Tanzen konzipiert und spaltete zu seiner Zeit die Tango-Verständigen in krasse Ablehner und wenige, sehr wenige Befürworter dieser neuen, eher intellektuellen Richtung. Astor Piazzolla hatte in New York den Jazz kennen- und liebengelernt und komponierte nach den geradezu mathematischen Regeln systematischer sinfonischer Musik, daraus entstanden zahlreiche Kompositionen wie das hier verwendete „Lo que vendrá“, das Luis Borda mit eigenen Motiven verbindet, von ihm „Fragmentos“ genannt. Hier packt er die elektrische Gitarre aus, die bei Piazzolla, wie sonst kaum beim klassischen Tango, ihren Platz im Quintett gefunden hat. Was bei Borda dabei herauskommt, ist eine Kombination des klaren und erkennbaren Motiv Piazollas aus „Lo que vendrá“ mit eigenen Jazzimprovisationen; spannend zu hören, aber sicher zum Tanzen nicht gedacht und nicht geeignet. Luis Borda versprach uns in seinem Begleittext zur CD eine Mischung aus allen Stilen des Tango; alle Formen in aller ihrer Unterschiedlichkeit sollten aber die Universalsprache der Tangomusik aufzeigen; in diesem weitgefächerten Programm, das uns von einem Stück zum anderen ein anderes Hörerlebnis und eine andere Klangfarbe eröffnet, liegt die Überraschung und die Essenz dieser CD. Hier ist nicht widersprüchlich, dass einige Motive in Abwandlung wiederholt werden, so auch das Motiv aus „Lo que vendrá“ und die „Fragmentos“ in diesem Zusammenhang.
Etwas aufgekratzt kommen wir von dem Hörerlebnis der Piazzolla-Borda- Variationen und werden durch ein gesungenes Poem sofort entspannt: „Tu ausencia“, von LÃdia Borda gesungen zur Begleitung von Cello und Gitarre, nach einem Text von Pablo Marchetti, der uns leider nicht mitgeliefert wird in dem Booklet zur CD; dabei sind es doch nur zwei Texte, die uns in ihrer innigen Interpretaton faszinieren und deren Inhalt uns vielleicht verborgen bleibt, weil wir es gesungen nicht vollständig erfassen können. Wir ahnen vielleicht richtig, es geht um einen trostlosen Seelenzustand der weltentrückten Leere, wehrloser Zerbrechlichkeit nach dem Verlassenwerden. *
„Tu boca“ von Luis Borda ist ein instrumentaler Tango Nuevo, langsam und verträumt und nur von den Streichern und dem Klavier, doch ja, auch das Bandoneón ist ganz zart mit dabei, in innigem Zusammenspiel vorgetragen. Er verklingt ruhig und läßt uns mit weit geöffneten Ohren dem nachlauschen, was Luis Borda als Musik der Hände und der Seele bezeichnet.
Bei dem klassischen Tangolied von Mariano Mores und José MarÃa Contursi „En esta tarde gris“ aus dem Jahr 1941 singt wieder LÃdia Borda, deren Stimme geradezu zart, ebenso wie die Violine, über den wuchtigen Kontrabasslinien schwebt, die ihrerseits von der perkussiven Gitarrenbegleitung exakt unterfüttert werden. Eben richtiger Tango mit Kraft, „mit Wumm“… Zart darf hier nicht falsch verstanden werden werden, die Stimme von LÃdia Borda ist präsent und klar, aber ein falsches Pathos fehlt und wäre wohl auch fehl am Platz bei einem Lied über diese verzeifelte Klage einer Liebenden, die an einem tristen Nachmittag von den übermächtigen Gefühlen der Erinnerung und der Reue überwältigt wird.
Loca en nubes, das nächste Stück, wieder von Luis Borda selbst komponiert, entpuppt sich als Walzer, der aber nicht tanzbar ist, weil er ein verträumtes, langsames Tempo beschreibt. Die Cellistin Paula spielt die Melodie mit elegantem Vibrato, die kammermusikalisch nur von Bordas Gitarre und sparsam vom Kontrabass begleitet wird. Ein Genuß zum Hören, und auch diese Musik ist unverkennbar Tango, was auch sonst? Später werden wir dieses Stück von LÃdia Borda gesungen hören, beide Versionen machen (sehn)süchtig und gehören zu den Höhepunkten dieser gelungenen Aufnahme.
Zwei eher kontemplative Stücke werden wirkungsvoll abgelöst durch die Milonga „Nocturna“ von Julián Plaza (1961) die unmittelbar wieder für das Kribbeln in den Beinen sorgt, so sehr treiben alle Instrumente gemeinsam diese Milonga voran bis zu ihrem furiosen Finale; Maestro Luis Borda läßt hier wieder, wie schon bei älteren Aufnahmen etwa der „Milonga de mis amores“, ordentlich die Saiten knallen, so markiert er hier eine Seite des Tango, die aggressiv und treibend, lebendig und mitreissend, augenblicklich all die Melancholie und Versponnenheit vergessen lässt.
Ganz leise und beinahe schüchtern meldet sich anschließend die Violine mit einem Solo (Homenaje – die Hommage richtet sich hörbar an Astor Piazzolla), die zu einer Komposition überleitet, die Piazzolla einmal als die beste seines ganzen Lebens bezeichnet hat: Adiós Nonino, das von allen musiziert wird, auch das Bandoneón ist wieder dabei, wie könnte es bei einem Stück von Astor Piazzolla anders sein.
Bei Mar amargo, einer Komposition von Luis Borda, sind nur zwei Gitarren und ein wenig vom Kontrabass zu hören. Luis Borda spielt, wie man es in den 70er Jahren (d. ltzt. Jahrh.) von Baden Powell gelegentlich hören konnte, mit sich selbst im Duo; auch ein Tango Nuevo, aber ein ganz langsamer, der trotz des Titels recht friedlich stimmt, wenn er leise verklingt…
Zum guten Schluß dieser abwechslungsreichen und spannenden CD noch einmal die Reprise der „Fragmentos“, die zu Piazzolla hinführten; Fetzen von dessen Motiven sind auch hier wieder deutlich herauszuhören; ein abschließende Improvisation auf der Jazzgitarre, von der ganzen Band begleitet, bei dem die Pianistin wohl so etwas wie ein Fender Rhodes Piano spielt oder ein Keyboard mit Effekten, was die Bemerkung in Frage stellen würde, dass hier „ohne technischen Schnickschnack“ gearbeitet wurde. In der Tat, ich erkläre es später, wie ich zu der Aufklärung gelangte, findet hier ein Fender Rhodes und eine Hammondorgel Anwendung! Luis Borda hat hier den Sound genauso gewollt; er entspricht dem seiner ersten Rockband in den 70er Jahren „Ave Rock“!*
Luis Borda ist ein Staunender, der in der Welt herumkommt als Musiker und überall feststellt, dass der Tango in vielfältigen Ausprägungen und Adaptationen schon längst da ist. Angekommen, vertraut, und sogar vielfach „assimiliert“. So berichtet er in einer Passage, die bei der Übertragung vom spanischen Text ins Deutsche irgendwie im Seitenumbruch des Booklets hängenblieb:
… auch in „anderen Vierteln“ pulsiert der Tango, in seinen unterschiedlichsten Formen, aus unzähligen Einflüssen und in vielen Stilen, letztlich eine Musik, die in allen Kulturen jeweils eigene Wertschätzung erfahren hat; so gibt es „Türkische Tangos“, „Finnischen Tango“, „Deutschen Tango“ und auch „Tango Argentino“ usw.; es ist geradezu so, als ob sich jeder den Tango „für sich“ genommen hätte.
Auch diese kuriose Beobachtung unterstreicht wieder die Universalsprache des Tango, die uns Luis Borda mit seinem Ensemble und den herausragenden Gastmusikerinnen, LÃdia Borda und Paula Pomeraniec, in dieser gelungenen Zusammenstellung präsentieren wollte; es ist ihm und den „chicos y chicas“ gut gelungen.
*NB: Die Aufklärung dieser Details, über die ich nur spekulieren konnte, und auch die Texte der beiden Lieder von Pablo Marchetti und Kristina Dengler bekam ich inzwischen von Kristina Dengler, der Frau von Luis Borda. Ich möchte auch hier noch einmal sehr herzlich dafür danken.
Martin Hallier
Hörproben zur CD gibt es in Kürze auf unserer Hörprobenseite.
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