etango - una hora con la realidad [CD - 2009]

Von un loco • 29. Juli 2009 • Kategorie: Im Fokus

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Neue CDs zu rezensieren ist immer wieder wie Wundertüten öffnen. Man weiß nie, was man bekommt. Die junge Osnabrücker Formation etango hatte ich bereits live mit einigen Gotan-Covern sowie eigenen Stücken in Ibbenbüren gehört und gesehen. Insgesamt hatte mir der Auftritt gut gefallen, wie man hier nachlesen kann. Damals hatte die Band im Interview angekündigt, bald eine eigene CD produzieren zu wollen. Außerdem hatte man festgestellt, dass die Gotan-Cover doch eigentlich Piazzolla–Cover waren, denn die nachgespielten Gotan Titel waren allesamt aus Astor Piazzollas Nuevo Tango Zyklus zusammengetragen.

Statt also die Kopie einer Kopie zu spielen, wollten etango nun eine CD mit eigenen Bearbeitungen der Piazzolla Titel präsentieren. Ich finde, dass ist ein verdammt hoher Anspruch, für eine junge Band, die erst seit kurzer Zeit zusammen spielt, von denen übrigens (bisher) niemand Tango tanzt. Und um ehrlich zu sein, habe ich in letzter Zeit zu viele Elektrotango-Gruppen gehört, deren House-Chill-Pop-Schrott wirklich nicht zu empfehlen ist.

Nun gut. Schieben wir diese Gedanken zur Seite. CD eingelegt - ein Glas gut gekühlter Regaleali steht auf meinen Arbeitstisch – Kopfhörer aufgesetzt und  los geht’s.

Meine Güte! Schon nach wenigen Takten, die ich eher als fließende Klänge wahrnehme, schleicht sich eine angenehme downtempo Klangmischung in mein Ohr. Das Akkordeon,  Violine, Maracas, E-Gitarre, Perkussion und elektronische Klänge verschmelzen zu einen modernen Chill-Klangbild, ohne jedoch die typischen Sehnsuchtsversatzstücke des Tango zu verheimlichen. Klingt sogar tanzbar, wenngleich 40 bpm vielen Tangueros eine Menge Achse abverlangen werden (den Autor dieser Rezensierung eingeschlossen)

Mit 46 bpm ist der zweite Titel nicht viel schneller, aber insgesamt spannender. Schöne, sich abwechselnde Sequenzen aus Akkordeon, beats, E-Gitarre und Echo-Elementen schaffen einerseits eine angenehme Wohlfühlatmosphäre, andererseits erzeugen sie Spannung genug, um diesem Titel 5:28 zuzuhören, ohne einen Moment Langeweile aufkommen zu lassen.

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120 beats per minute schmeißt der dritte Titel in die Klangschale. Schnell und spannend genug, um zum richtigen Zeitpunkt eine Milonga anzuheizen. Dennoch ist der beat nicht gnadenlos. Nicht House sondern guter, schneller, tanzbarer Tango ist hier die Devise. Ein Gitarrensolo mit einem Hall-Sound wie aus einem Western-Titel oder in psychedelischen Werken der ausgehenden 60er zu finden, untermauert mit interessanten beats, gekoppelt mit einer sensationellen Violine, gespielt von Christiane Kumetat. Klasse!

Titel Nummer vier , Escualo, klingt absolut wie Gotan, im positiven Sinne. Der mittenbetonte Eingangsteil – klingt wie aus einem uralten, billigen Transistorradio - die Stakatto haften, mit Echo versehenen von Martin Gehrmann produzierten Akkorde. Ja, absolut. Den Titel glaubt man schon von Gotan gehört zu haben, nur das Gotan diesen Titel nie im Programm hatten. Peinlich. Die Osnabrücker jonglieren so meisterhaft mit Tönen, Tango und Themen, dass man aufpassen muss ihnen nicht auf den Leim zu gehen. Escualo entwickelt sich weiter. Mit einem Tempo von 112 ist auch er geeignet, eine Milonga voranzutreiben.

Über den fünften Titel kann ich kaum etwas schreiben, so sehr verschlägt mir die Adaption von Oblivion die Sprache.  Einerseits wird die Atmosphäre des Originalthemas originalgetreu aufgenommen, anderseits zeigt Arne Bense einmal mehr, was die Instrumentalistenbezeichnung „Programming“ bedeutet. Unaufdringlich, spannend oszillieren einige Sequenzer Passagen um sich selbst und um den Gesang der Gastmusikerin Yvonne Werner-Mees. Einiges singt sie auf französisch, später im Stück singt sie deutsch und ja, ihre gesprochene Melancholie läßt mich sofort an Marlene Dietrich denken. Mit einem 40er beat vermutlich eine absolute tänzerische Herausforderung. Vielleicht einer der Titel, die man einfach nur hörend, fühlend genießt.

Zu Vuelvo Al Sur muss man nicht viel sagen. Viele werden die Gotan Adaption kennen, Piazzollas Original vermutlich eher weniger. Etangos Arrangement ist gut, modern, gefällig, tanzbar und muss sich nicht einen Takt, nicht mal eine Achtelnote hinter Gotan Project verstecken. Ein überaus gelungener Titel.

Hatte ich vorhin gesagt, das Arne Bense zeigt, was die Instrumentenbezeichnung „Programmer“ bedeutet. Quatsch. Was das wirklich heißt, zeigt er bei „el infierno tan temido“ in Vollkommenheit. Entweder inspiriert durch YES oder Genesis der 80er Jahre oder durch Flamencotänze, vielleicht auch durch den Gang über einen orientalischen Markt, entzündet er ein Feuerwerk abwechslungsreicher Rhythmen, das die anderen Bandmitglieder gern nutzen, um mit Gitarre, Akkordeon oder was auch immer eine spannende orientalische Stimmung zu erzeugen. Tanzbarkeit. Nun, mmhh wechselnde Rhythmen und Geschwindigkeiten legen die Messlatte recht hoch, aber wer weiß…

Der neunte Titel, Verano Porteño. Wieder so ein gute Laune Titel. „Moment Mal!“ wird der aufmerksame Leser nun rufen. „Wieso gute Laune Titel?“. Stimmt, das Original hat eher einen melancholischen Charakter. Doch etango schaffen die Transformation in die gute Laune, ohne wesentliche Elemente des Originals zu verlieren. Meisterhaft. Hammond Orgel statt Klavier. “Bratgitarre” statt Bandoneon. Einfach Klasse!

Übrigens ist “Bratgitarre” nicht die einzige Variante der E-Gitarre, die Ingo Daus meisterhaft in Szene zu setzen versteht. Mal jazzig, poppig, verspielt oder auch schnörkellos. Stets ist die Gitarre mit von der Partie. Ob dominantes Solo, Akkordbegleitung oder tragendes Arpeggio. Mit Ingo Daus (Gitarre), Arne Bense (Laptop), Oliwia  Locher (Violine), Christiane Kumetat (Violine) und Martin Gehrmann (Akkordeon) haben sich fünf virtuose, moderne Musiker zusammengefunden, denen ich zutraue, dem Tango dauerhaft neue Impulse zu geben.

Es folgt Oblivion als Instrumentaltitel. Violine, hier gespielt von Oliwia  Locher, sowie Akkordeon ersetzen Yvonnes Stimme. Beide Versionen, vokal und instrumental gefallen mir sehr gut. Vermutlich ist es stimmungsabhängig, welchem Titel man den Vorzug gibt.

Zur Abrundung gibt’s noch eine Version vom Libertango und… die Stunde ist wie im Flug vergangen.

Alles in Allem sind die Werke gut hörbar ohne zu gefällig zu sein, mit Charakter, Wiedererkennungswert und – Profil.

Danke für diese schöne Stunde Wirklichkeit.

Hörproben gibt es hier.
Zur Homepage der Band…

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