La Salida: Die Gitarren sind wieder da
paul • 10. März 2010 • Im FokusDie Gitarren sind wieder da
Ein Artikel von Jean Luc Thomas
veröffentlicht in La salida Nr. 54 / Juni – September 2007
Die Renaissance des Tango hat in vielen Milongas die Flamme der Orquestas Típicas wieder entfacht. Aber der Hang zur Nähe und Intimität, den dieses Genre mit sich bringt, bewirkte auch ein Aufblühen der Gitarren. Voilà, da sind sie!
Natürlich assoziiert man die näselnde Klagestimme des Bandoneón mit dem Tango, aber wie es ein Freund in Bezug auf die Folklore Argentiniens behauptet, klingt es so:“ Schüttelst Du einen Baum in Argentinien, fallen jede Menge Gitarristen herunter…“ Diese scherzhafte Bemerkung weist auf die Bedeutung dieses Instruments hin, nicht nur im Tango, sondern in der gesamten Folklore- Musik, bei der der Tango da und dort manches entlehnt hat. Manch ein Tango- Gitarrist durchlebt übrigens nicht selten eine Art von musikalischem Doppelleben, oft kehrt er irgendwann zurück zu jener Folklore, aus der er einst zum Tango gekommen ist.
Es ist so: Sie gehört mitten in den Tango- Bilderbogen, die Gitarre, die Carlos Gardel im Arm hält, das Instrument, das jener abgewiesene Liebhaber aus „Mi noche triste“ in den Schrank gesperrt hat; an diesen Bildern führt ebenso wenig ein Weg vorbei wie an der frisch angezündeten Zigarrette in den Händen der Statue von Carlitos auf dem Friedhof von la Chacarita. Man muß die Geschichte nicht neu schreiben: Die Gitarre im Tango gibt es eher als das Bandoneón! Sie ist Teil der ersten Trios aus Gitarre, Flöte und Geige und seiner zahlreichen Varianten, an sie schmiegen sich die Hände der Payadores, der Volkssänger, lange bevor das Tango- Lied entstand, aber auch danach bleibt sie ebenso unentbehrlich, als etwa das Duo Gardel- Razzano jene neue Ausdrucksform verbreitet, die „den Tango von den Füßen zu den Lippen erhebt“ (Discépolo).
Die Gitarre wird zur Gefährtin des Troubadours, zur Freundin, zur Vertrauten des Tangosängers, bevor noch das Bandoneón mit tieferem Echo, seiner kräftigeren Stimme, seinem männlicheren, markanten Klang zu imponieren beginnt.
Es ist wohl auf die Entwicklung der Orchester zurückzuführen, die aus ihrer Besetzung die Gitarre ausgeschlossen hat: Ihre fehlende Lautstärke (vor der elektrischen Verstärkung der Instrumente) hat sie in den Jahren der Goldenen Epoche gegen Ende der 30er Jahre an den Rand gedrängt. Erst Mitte der 60er Jahre haben Bartholomé Palermo und Roberto Grela die Gitarre von neuem geadelt, in kleinen Ensembles oder zur Begleitung von Sängern und Sängerinnen wie Nelly Omar oder Rubén Juárez, die Grela begleitete, oder Palermo als Begleiter von Edmund Rivero (selbst Gitarrist!) im „Viejo Almacén“; Juanjo Domínguez wurde legendärer Begleiter von Roberto „El Pólaco“ Goyeneche. Hier wären noch etliche Gitarristen zu nennen, die Sänger wie Podestá, Echagüe oder Marcel begleitet haben, bis zur endültigen Schließung des legendären Clubs Caño 14 im Jahr 1984.
Das Quintett von Astor Piazzolla hielt der Gitarre jedoch einen Platz frei: Oscar López
Ruiz und Horacio Malvicino sind namentlich diejenigen, die die sechs Saiten im besten Sinne des Klangkosmos des Maestro zum Klingen gebracht haben. Elektrisch verstärkt, bietet die Gitarre mehr an Perkussion für den Rhythmus und kann darüber hinaus Soli und halbsolistische Einlagen, Riffs etc. beisteuern, ohne vom Ensemble überdeckt zu werden. Ein Platz auch beim herausragenden Quinteto Real, wo die enge Komplizenschaft des Pianisten Horacio Salgán mit dem Gitarristen Ubaldo de Lío sich bestens inspirierend auf die übrigen Musiker des Quintetts überträgt…
Als das Abenteuer des ersten Quinteto Real zu Ende ging (später, im Jahr 1999 gab es noch eine neue Zusammenstellung unter diesem Namen), war das Duo Salgán – De Lío noch lange nicht am Ende damit, den Dialog Bandoneón- Piano [Pedro Laurenz!] weiter zu entwickeln, während Aníbal Troilo mit Roberto Grela im Duo bzw. in einer Quartettbesetzung Aufnahmen zu machen begann /in den Jahren zwischen 1953 und 1969!). Dies geschah auf dem Hintergrund der Krise und des fortschreitenden Verschwindens der Orquestas Típicas, was auch bei Leopoldo Federico, dem erfolgreichen Orchesterleiter und Bandoneonisten, dazu führte, dass er sich ebenfalls in kleiner Quartettbesetzung, aber höchster musikalischer Qualität, mit Roberto Grela zusammenfand.
Im Verlauf der großen Bewegung der Wiederentdeckung und Wiederbelebung des Tango ist schließlich die Gitarre – akustisch- unplugged oder elektrisch verstärkt – wieder in Mode gekommen, und zwar sowohl in der Gesangsbegleitung als auch in der Orchesterbesetzung, soweit es sich nicht ohnehin um Solo- Gitarristen handelt. Die Tradition der kreolischen Gitarre bei Gardel und des zur Gitarre gesungenen Repertoires ist auch nicht vergessen:
Die überraschende Vorstellung eines im übrigen sehr professionell vermarkteten Albums von Cristóbal Repetto bei Universal im Jahr 2004 (sehr schönes Repertoire, mit nicht zu leugnender guter Bühnenpräsenz vorgetragen, ob man das absichtliche, gekünstelte nasale Timbre im Stil der 30er Jahre mag oder eher ablehnt), hat die traditionelle Gitarrenbegleitung zweifellos auch wieder ins Rampenlicht gerückt.
Dies soll aber nicht unterschlagen, dass es ebenso lobenswerte
Interpretationen von Gitarristen- Sängern gibt. Zum Beispiel das Album „Guitarra y voz“ von Brian Chambouleyron, das von einer extremen instrumentalen Finesse ist (2006). Dieser gebürtige Pariser, aber dennoch durch und durch Argentinier, stets am Repertoire der 20er oder 30er Jahre, hat seine Arbeit zunächst in den Bühnenspektakeln Recuerdos son recuerdos oder Glorias Porteñas eingebracht, bevor er sich an eine solistische Karriere machte.
Er war es, der in Buenos Aires im Café „La vaca profana“ vergangenen Oktober einige Abende voller raffinierter Emotionen erleben ließ, indem er die Feinheit seines Gesangs mit gitarristischer Geschmeidigkeit verband. Ihm ganz ähnlich im intimen Register, aber deutlicher unterstrichen durch eine Begleitung, die mit intrumentalen Klangfarben mehr in Richtung Brasilien weist, erschien in Frankreich als Live- Aufnahme das Album des Veteranen Horacio Molina im Label von Eduardo Makaroff, Mañana (2006). Auch die Tradition der Ensembles aus Saitenzupfern erlebte eine Erneuerung durch das junge, aber dennoch sehr gereifte Quinteto Ventarrón, so wie auch durch die Ensembles 34 puñaladas (Gitarren und Gesang), Palermo 5 oder das sogar noch jüngere Trio Cataldi-Gorosito-De la Vega, deren 2. Aufnahme mittlerweile schon auf den Markt kam (Sutil tango sutil, 2007).
Unter den Gitarristen mit den besten Referenzen, die sich mittlerweile hier in Frankreich niedergelassen haben, finden wir Rudy Flores, einen hervorragender Folkloristen, der mit seinem Bruder Nini (Akkordeon) zusammen spielt, aber auch Luis Rizzo [leider unterdessen verstorben, Anmerkung d. Ü.], Adrien Politi oder den sehr elektrisch spielenden Tomás Gubitsch, alle drei in eigenen Bands aktiv, darüber hinaus aber auch
produktive Komponisten. Leonardo Sánchez, Gitarrist des Trío Gomina, Partner von Juanjo Mosalini jr. im Quintett und bei den Bearbeitungen des Piazzolla- Repertoires zusammen mit dem Ensemble Basse- Normandie, begleitete auch den argentinischen Sänger Jaïro in einer Aufnahme mit Stücken überwiegend von Piazolla- Ferrer, die in Frankreich produziert wurde, Jairo canta Piazzolla (2003). Ciro Pérez, ein bewährter Recke der Tango- Gitarre, schon seit 1980 in Frankreich, setzte im legendären Pariser Tango- Varieté „Trottoirs de Buenos Aires“ einen Weg fort, der in Argentinien durch die bedeutsame Zusammenarbeit mit Roberto Grela bereitet wurde, und zuvor in seinem Heimatland Uruguay von der Zusammenarbeit mit einem nationalen Monument der Musik, Alfredo Zitarrosa, geprägt worden war. Er erschien hier in Frankreich solistisch, abgesehen von einigen Partizipationen als Studio- und Begleitmusiker, in zwei sehr schönen Aufnahmen in Trio- Besetzung: Pedacito de cielo (mit Gustavo Beytelmann, Klavier, und Roberto Tormo, Kontrabaß, erschienen bei ASPIC 1997) und erst kürzlich in Las siluetas porteñas (Cinq planètes, 2006) zusammen mit William Sabatier (Bandoneón) und Norberto Pedreira (Gitarre und Gitarrón). [Im Duo mit dem aus Paraguay stammenden Gitarristen Vidal Rojas aus Toulouse hatte Ciro Pérez schon 1994 eine Roberto Grela gewidmete Aufnahme von Tangos auf 2 Gitarren veröffentlicht (Tango pour deux guitares, ASPIC, 1995), der in diesem Jahr, also 2009, eine neue Einspielung dieses Duos folgen soll: Revisitango (Bulls Prod., 2008). Wenn diese CD Anfang 2009 endlich in den Handel kommt, wäre ihr eine baldige Rezension zu wünschen.]
In der letzten Zeit hat sich auch Diego Trosman, ein in Marseille ansässiger argentinischer
Gitarrist, mit seiner Gruppe Yuyo Verde in der dem Tanz und der Livemusik verpflichteten Tangoszene bekannt und unentbehrlich gemacht. Gustav Gancedo hingegen, dieser überaus versierte Arrangeur und Gitarrist in zwei erfolgreichen Aufnahmen mit seinem Septett (Tango para ustedes, erschienen im Label L‘ empreinte digitale, 2002) und einer Quartettbesetzung (Aquí y ahora, 2004), ist mittlerweile zurückgekehrt in seine Heimat Córdoba, wo die Folklore dominiert und wo er selbst mit dem Duo Salteño einmal debütierte. Diese Rückkehr zu den Wurzeln unterstreicht er durch eine zuvor in Eigenproduktion entstandene Aufnahme (Guitarra argentina, 2006), bei der eben der Tango und die Folklore vermischt werden. Wir sind sehr gespannt darauf, ihn hier in Frankreich wieder zu sehen, so wie auch auf die nächste Tour von Pablo Bernard, einem Spezialisten der zehnsaitigen Gitarre, die der Interpretation der Tangos eine ganze Palette an zusätzlichen Farben in Richtung Jazz oder Tropicalismo eröffnet.
Diese zuletzt erwähnten Namen führen uns nach Argentinien, wo es abschließend nicht versäumt werden soll, einige besondere Charaktere mit Grenzgängerqualitäten zu erwähnen, große Zauberer von Stimmungen, jene Esteban Morgado, Luis Borda, Gustavo Mozzi, Arrangeure und Komponisten … und zunächst Gitarristen! Und wie könnte ich diese Betrachtung schließen, ohne an Aníbal Arías zu erinnern, den weit über 80 jährigen Veteranen, der durch das interessante Projekt von Gustavo Santaolalla Café de los maestros erst letztens wieder in die Öffentlichkeit geriet. Und an jenen Mann, der fast 30 Jahre lang beinahe unauffällig im Schatten von Mercedes Sosa wirkte, bevor er sich schließlich, mit 55 Jahren, dazu entschloß, eine Aufnahme mit Tangos auf der Gitarre herauszubringen (Tango 12): Nicolás „Colacho“ Brizuela. ■
Jean- Luc Thomas
Deutsche Übersetzung und zusätzliche Anmerkungen in [ .. ] von Martin Hallier. An dieser Stelle herzlichen Dank an die Redaktion der Zeitschrift La Salida für die Erlaubnis, diesen Artikel – und einige weitere Artikel – hier veröffentlichen zu dürfen.
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Der Benzinpreis steigt in schwindelerrregende Höhen. Zuhause ist es zwar auch ganz schön, doch die Tangoszene lebt seit je her vom Austausch. Andere TänzerInnen kennenlernen! Hörgewohnheiten erweitern! Schöne Locations sehen! Gründe gibt es zuhauf, einmal die Trampelpfade der heimischen Milonga zu verlassen und todesmutig zum Salon in die Nachbarstadt zu fahren.
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