Julio Cobelli – Tangogitarrist aus Montevideo
Gastwriter • 20. April 2009 • Allgemein
Julio Cobelli ist Tangogitarrist aus Montevideo, der gerade in diesen Wochen einmal wieder nach Deutschland kommt. Seine wenigen Konzerte bei uns spielen sich so unscheinbar in der Provinz ab, dass ich hier darauf aufmerksam machen möchte. Denn Julio Cobelli hat am 22. April Geburtstag, und dies soll ein guter Anlaß sein, ihn hier zu würdigen. Die Gitarre im Tango wird bald in einer kleinen Artikelserie hier betrachtet werden; dies kann als ein kleiner „Apéritif“ dazu betrachtet werden.
Julio Cobelli wurde am 22. April 1952 in Montevideo geboren und lernte früh von seinem Vater Floro Cobelli, Gitarre zu spielen. Der Sänger und Gitarrist Walter Apesetche unterrichtete ihn weiter, noch als Kind und als Jugendlichen. Im Jahr 1970, also mit gerade 18 Jahren, stieß er bereits als fertiger Gitarrist zum Gitarren-Quartett von Hilario Pérez, dem Vater des exzellenten Gitarristen Ciro Pérez. (Hilario Pérez y su conjunto).
Diese Gruppe von professionellen Musikern begleitete den in ganz Lateinamerika bekannten und beliebten uruguayischen Sänger Alfredo Zitarrosa; mit ihm entstanden zahlreiche Plattenaufnahmen am Anfang der siebziger Jahre. Verschiedene Tourneen führten Alfredo Zitarrosa zusammen mit seinen Musikern in den Jahren 1970 – 1972 durch Uruguay, Chile, Brasilien und Perú. Später begleitete er den Sänger mit seinen eigenen Quartett, dem „Cuarteto de Guitarras“.
Julio Cobelli schaffte als Tangogitarrist nicht nur den Sprung über den Rio de la Plata nach Buenos Aires, wo er als Begleiter des Sängers Alfredo Sadi auf die Beteiligung des großen Roberto Grela zählen konnte. (Diese Aufnahmen fanden im Jahr 1982 statt). Er kam auch wiederholt nach Europa und in andere Länder außerhalb Lateinamerikas.
In Uruguay war er zunächst fester Musiker in der über Jahre produzierten Tango-TV-Sendung „Café Concert“ mit dem Gitarristen Alberto Larriera. Argentinische wie uruguayische Sänger kamen hier wie auch in Theatern auf der Bühne zu von Julio Cobelli begleiteten Auftritten: Alberto Marino, Roberto Goyeneche, Eduardo Adrián, Guillermo Fernández, Olga Delgrossi, Daniel Cortés, Ledo Urrutia (selbst auch Gitarrist), Elsa Morán, Adriana Lapalma, Nancy De Vita, Alberto Rivero als einige aus den vielen Namen.
Mit seinem eigenen Gitarren-Quartett machte er sich 1992 an die Aufnahme von Candombes unter dem Titel “Al estilo Julio Cobelli”, wobei er die typische Musik aus dem Karneval Montevideos in den Mittelpunkt stellte. Der oben schon genannte Sänger Ledo Urrutia spielte hier neben Omar Cáceres und Henry Hernández (Guitarrón) in seinem Gitarenquartett mit.
Vielleicht wurde so erst der unter der Militärrregierung in den 70er Jahren ins Exil gegangene populäre Sänger von der Küste Uruguays José Carbajal auf ihn aufmerksam, den man als “El Sabalero” in vielen Ländern kennt. Er ging zunächst nach Mexiko ins Exil, später nach Europa, wo er in Holland Wurzeln schlug. Ihn begleitete Julio Cobelli im Jahr 1992 bei einer Aufnahme seiner Songs, die in den Folklorerhythmen seiner Heimat eine alltägliche und kaum überhöhte Form der Lyrik transportiert, die man in der Zeit der politischen Cantautores in den 70er oder 80er Jahren in ganz Südamerika gern gehört und gesungen hat.
Zurück zum Tango: Der großartige Hugo Díaz, Bandoneonsolist aus Montevideo, nahm Julio Cobelli im Jahr 1993 mit auf Tournee nach Europa. Die Konzerte und auch Studioaufnahmen fanden in der Schweiz und in Deutschland statt, wo Hugo Díaz damals hängenblieb. Die Mitglieder seiner Formationen folgten ihm nur für die Tourneen und wollten ihre Heimat nicht gänzlich verlassen, während Hugo Díaz in Hamburg blieb. Damals war es neben Cobelli der Kontrabassist Vinicio Ascone, der bei den Konzerten mitwirkte.
Einige Jahre später (1998) nahm er wieder mit Hugo Díaz sowie einem anderen Bassisten (Horacio Cabarcos) wieder eine CD auf, die sich immer noch zu kaufen lohnt. Alle diskografischen Hinweise werden in einem folgenden Artikel genauer aufgelistet, so dass es sich an dieser Stelle nur erwähnt wird. Diese Aufnahmen fanden in Buenos Aires statt.
Mit Héctor Urtazú (Bandoneonist) und Ledo Urrutia begleitete er 1995 eine Tango-Bühnenshow in Musicalform namens “Mano a Mano” in den USA.
Mit dem Bandoneonisten Néstor Vaz verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit in der kleinen kammermusikalischen Besetzung eines Trios, das sich nach dem Bandoneonisten Nestor Vaz benennt. Dieses Trio konnte man im jahr 1999 in Deutschland hören, aber auch schon 1997 gab es eine interessante Arbeit mit der holländischen Sängerin Marlous Lazal, die sie bei einer Aufnahme begleiteten. 2000 gab es dann wieder eine Tournee durch Holland und Deutschland.
Seit dieser Zeit häufen sich die Aktivitäten auffallend, so dass der Satz, Julio Cobelli sei einer der am meisten “gebuchten” Tangogitarristen, nicht ganz weit hergeholt scheint. CD-Aufnahmen mit diversen Gesanggssolisten, Teilnahme an Folklore- und Tangofestivals, Lehrtätigkeiten wie z. B. in Rotterdam im Anschluß an Konzerte in Holland, ein erster Aufenthalt mit seiner Musik auf dem afrikanischen Kontinent, in Angola, die Zusammenarbeit mit dem großen Star aus Argentinien, Leon Gieco, weitere eigene Aufnahmen, seine Tätigkeit als Musiker und Komponist in Filmen aus Uruguay…
Die Aufzählung wird hier so vielfältig, dass sie den Rahmen dieser kurzen Würdigung sprengt! Germán Prentki, Cellist aus Uruguay mit festem Engagement in Siegen, spielt mit ihm im Duo ein Konzertprogramm, das er in diesem Jahr zum zweiten Mal in Deutschland anbietet. Die Konzerte finden im Mai in Siegen, Marburg, Arolsen, Essen, Moers und Wuppertal statt, weitere Termine mögen sich inzwischen noch ergeben haben. Das Konzert in Essen empfehle ich allen Interessierten aus der Region, denn es ist das am besten erreichbare für Ostwestfalen oder Münsterländer. Es findet am 19. Mai 2009 in dem alten Bürgermeisterhaus in Essen- Werden statt.
Julio Cobelli lebt in Uruguay zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Sängerin und Gitarristin (“Payadora”) Mariela Acevedo, mit der er natürlich auch oft auf der Bühne steht und international auf Tournee gewesen ist. Wir wünschen ihm für seine vielseitigen musikalischen Unternehmungen die Energie und Kraft und Gesundheit, die er dazu benötigt, weiter für den Tango oder die Folklore seiner Heimat tätig sein zu können! Alles Gute für viele weitere Jahre und, wie die Gitarristen sich immer wünschen: ¡¡Sigamos guitarreando, sigamos tocando!!
Ich empfehle: Nicht verpassen und hingehen!
Text von Martin Hallier
Photos: Pressefotos
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Als ich, vor ein paar Jahren war es, in unserer Tanzschule einen Tango-Grundkurs absolvierte, fiel mir gar nichts auf. So anders war er ja nicht, dieser sagenhafte und mit so viele Mythos befrachtete Tanz. Natürlich wirkte die Musik, die dazu aufgelegt wurde, etwas fordernder, etwas melancholischer als die zu Foxtrott oder Langsamem Walzer, von der stets eine Art patenter Basisfröhlichkeit ausging. Sonst aber schien mir das ein Tanz wie alle anderen zu sein: Man macht im gegebenen Rhythmus bestimmte Schritte, zunächst einmal die einer Grundfigur – und wenn die Partnerin das auch tut, spiegelverkehrt natürlich, dann ist man am Ende einer rhythmischen Einheit wieder da, wo man gestartet ist, und kann sich überlegen, ob man das Ganze noch einmal tanzen oder in eine spezielle Figur wechseln will, für die natürlich auch gilt, dass sie einen gewissermaßen zurück auf Null bringt.
Der Tango ist nicht nur Tanz; er ist vielmehr eine (städtische) Volksmusik, in der sich das ganze Leben der Einwanderer und Zuwanderer, mehr der kleinen als der großen Leute, in einer überaus reichen Palette an Farben, vielfältigen Eingebungen und Emotionen widerspiegelt. Die Straßenbahn am frühen Morgen mit denjenigen, die zur Arbeit fahren müssen und denen, die nach durchzechter und durchtanzter Nacht nach Hause fahren, die Fuhrwerke wie das mit den treuen Zugtieren Manoblanca und Porteñito, die noch eine kleine Portion Kraft aufbringen sollen, um den heimischen Stall zu erreichen; die vielen Episoden von enttäuschter Liebe, von Verrat und Eifersucht, von Geld, Glanz und Knast, Glücksspiel und Gebet, Aufstieg und Fall, kaum etwas, was nicht im Tango abgebildet und erzählt wird.
