Alle Beiträge dieses Autors

Julio Cobelli – Tangogitarrist aus Montevideo

Gastwriter • 20. April 2009 • Allgemein

Julio Cobelli Julio Cobelli ist Tangogitarrist aus Montevideo, der gerade in diesen Wochen einmal wieder nach Deutschland kommt. Seine wenigen Konzerte bei uns spielen sich so unscheinbar in der Provinz ab, dass ich hier darauf aufmerksam machen möchte. Denn Julio Cobelli hat am 22. April Geburtstag, und dies soll ein guter Anlaß sein, ihn hier zu würdigen. Die Gitarre im Tango wird bald in einer kleinen Artikelserie hier betrachtet werden; dies kann als ein kleiner „Apéritif“ dazu betrachtet werden.

Julio Cobelli wurde  am 22. April 1952 in Montevideo geboren und lernte früh von seinem Vater Floro Cobelli, Gitarre zu spielen. Der Sänger und Gitarrist Walter Apesetche unterrichtete ihn weiter, noch als Kind und als Jugendlichen. Im Jahr 1970, also mit gerade 18 Jahren,  stieß er bereits als fertiger Gitarrist zum Gitarren-Quartett von Hilario Pérez, dem Vater des exzellenten Gitarristen Ciro Pérez. (Hilario Pérez y su conjunto).

Diese Gruppe von professionellen Musikern begleitete den in ganz Lateinamerika bekannten und beliebten uruguayischen Sänger Alfredo Zitarrosa; mit ihm entstanden zahlreiche Plattenaufnahmen am Anfang der siebziger Jahre. Verschiedene Tourneen führten Alfredo Zitarrosa zusammen mit seinen Musikern in den Jahren 1970 – 1972 durch Uruguay, Chile, Brasilien und Perú. Später begleitete er den Sänger mit seinen eigenen Quartett, dem „Cuarteto de Guitarras“.

Julio Cobelli schaffte als Tangogitarrist nicht nur den Sprung über den Rio de la Plata nach Buenos Aires, wo er als Begleiter des Sängers Alfredo Sadi auf die Beteiligung des großen Roberto Grela zählen konnte. (Diese Aufnahmen fanden im Jahr 1982 statt). Er kam auch wiederholt nach Europa und in andere Länder außerhalb Lateinamerikas.

Julio Cobelli - Hugo Diaz - Horacio Cabarcos In Uruguay war er zunächst fester Musiker in der über Jahre produzierten Tango-TV-Sendung „Café Concert“ mit dem Gitarristen Alberto Larriera. Argentinische wie uruguayische Sänger kamen hier wie auch in Theatern auf der Bühne zu von Julio Cobelli begleiteten Auftritten: Alberto Marino, Roberto Goyeneche, Eduardo Adrián, Guillermo Fernández, Olga Delgrossi, Daniel Cortés, Ledo Urrutia (selbst auch Gitarrist), Elsa Morán, Adriana Lapalma, Nancy De Vita, Alberto Rivero als einige aus den vielen Namen.

Mit seinem eigenen Gitarren-Quartett machte er sich 1992 an die Aufnahme von Candombes unter dem Titel “Al estilo Julio Cobelli”, wobei er die typische Musik aus dem Karneval Montevideos in den Mittelpunkt stellte. Der oben schon genannte Sänger Ledo Urrutia spielte hier neben Omar Cáceres und Henry Hernández (Guitarrón) in seinem Gitarenquartett mit.

Julio Cobelli bei Radio 6 (NL) Vielleicht wurde so erst der unter der Militärrregierung in den 70er Jahren ins Exil gegangene populäre Sänger von der Küste Uruguays José Carbajal auf ihn aufmerksam, den man als “El Sabalero” in vielen Ländern kennt. Er ging zunächst nach Mexiko ins Exil, später nach Europa, wo er in Holland Wurzeln schlug. Ihn begleitete Julio Cobelli im Jahr 1992 bei einer Aufnahme seiner Songs, die in den Folklorerhythmen seiner Heimat eine alltägliche und kaum überhöhte Form der Lyrik transportiert, die man in der Zeit der politischen Cantautores in den 70er oder 80er Jahren in ganz Südamerika gern gehört und gesungen hat.

Zurück zum Tango: Der großartige Hugo Díaz, Bandoneonsolist aus Montevideo, nahm Julio Cobelli im Jahr 1993 mit auf Tournee nach Europa. Die Konzerte und auch Studioaufnahmen fanden in der Schweiz und in Deutschland statt, wo Hugo Díaz damals hängenblieb. Die Mitglieder seiner Formationen folgten ihm nur für die Tourneen und wollten ihre Heimat nicht gänzlich verlassen, während Hugo Díaz in Hamburg blieb. Damals war es neben Cobelli der Kontrabassist Vinicio Ascone, der bei den Konzerten mitwirkte.

Einige Jahre später (1998) nahm er wieder mit Hugo Díaz sowie einem anderen Bassisten (Horacio Cabarcos) wieder eine CD auf, die sich immer noch zu kaufen lohnt. Alle diskografischen Hinweise werden in einem folgenden Artikel genauer aufgelistet, so dass es sich an dieser Stelle nur erwähnt wird. Diese Aufnahmen fanden in Buenos Aires statt.

Julio Cobelli, Guzmán Mendaro, Poli Rodríguez Mit Héctor Urtazú (Bandoneonist) und Ledo Urrutia begleitete er 1995 eine Tango-Bühnenshow in Musicalform namens “Mano a Mano” in den USA.

Mit dem Bandoneonisten Néstor Vaz verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit in der kleinen kammermusikalischen Besetzung eines Trios, das sich nach dem Bandoneonisten Nestor Vaz benennt. Dieses Trio konnte man im jahr 1999 in Deutschland hören, aber auch schon 1997 gab es eine interessante Arbeit mit der holländischen Sängerin Marlous Lazal, die sie bei einer Aufnahme begleiteten. 2000 gab es dann wieder eine Tournee durch Holland und Deutschland.

Seit dieser Zeit häufen sich die Aktivitäten auffallend, so dass der Satz, Julio Cobelli sei einer der am meisten “gebuchten” Tangogitarristen, nicht ganz weit hergeholt scheint. CD-Aufnahmen mit diversen Gesanggssolisten, Teilnahme an Folklore- und Tangofestivals, Lehrtätigkeiten wie z. B. in Rotterdam im Anschluß an Konzerte in Holland, ein erster Aufenthalt mit seiner Musik auf dem afrikanischen Kontinent, in Angola, die Zusammenarbeit mit dem großen Star aus Argentinien, Leon Gieco, weitere eigene Aufnahmen, seine Tätigkeit als Musiker und Komponist in Filmen aus Uruguay…

Julio Cobelli - German Prentki Die Aufzählung wird hier so vielfältig, dass sie den Rahmen dieser kurzen Würdigung sprengt! Germán Prentki, Cellist aus Uruguay mit festem Engagement in Siegen, spielt mit ihm im Duo ein Konzertprogramm, das er in diesem Jahr zum zweiten Mal in Deutschland anbietet. Die Konzerte finden im Mai in Siegen, Marburg, Arolsen, Essen, Moers und Wuppertal statt, weitere Termine mögen sich inzwischen noch ergeben haben. Das Konzert in Essen empfehle ich allen Interessierten aus der Region, denn es ist das am besten erreichbare für Ostwestfalen oder Münsterländer. Es findet am 19. Mai 2009 in dem alten Bürgermeisterhaus in Essen- Werden statt.

Julio Cobelli lebt in Uruguay zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Sängerin und Gitarristin (“Payadora”) Mariela Acevedo, mit der er natürlich auch oft auf der Bühne steht und international auf Tournee gewesen ist. Wir wünschen ihm für seine vielseitigen musikalischen Unternehmungen die Energie und Kraft und Gesundheit, die er dazu benötigt, weiter für den Tango oder die Folklore seiner Heimat tätig sein zu können! Alles Gute für viele weitere Jahre und, wie die Gitarristen sich immer wünschen: ¡¡Sigamos guitarreando, sigamos tocando!!

Ich empfehle: Nicht verpassen und hingehen!

Text von Martin Hallier
Photos: Pressefotos


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Luis Borda Ensemble: Chicas de otros barrios [CD]

Gastwriter • 7. April 2009 • CD der Woche, Im Fokus

luisbordaensemble2.jpg 2008     LC 18386    enja records  9190

Nach der 2006 in Buenos Aires produzierten CD „El alba“ hat Luis Borda nun wieder in Deutschland eine CD veröffentlicht, die bei dem Jazzlabel enja Records 2008 erschienen ist, wo auch der von ihm gestaltete Soundtrack zu „12 Tangos – Adiós Buenos Aires“ erschien.

Es ist eine sehr persönliche und stimmungsvolle Aufnahme, betont Luis Borda selbst, deren Titel sich daraus ableitet, dass sich hier einige Frauen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zur universalen Musik des Tango zusammenfinden, die alle beim Zusammenspiel so gut harmonierten, dass ihm während des Zusammenspiels die Eingebung für den Titel kam: „Mädchen aus anderen Vierteln“; das gilt nicht nur für das innige Verständnis der Sängerin Lidia Borda aus Buenos Aires mit der Cellistin Paula Pomeraniec aus Mar de Plata, das kann ebenso auch gelten für die ständigen Mitglieder des Luis Borda Ensembles, in dem sich Musiker aus Moldavien, aus der Ukraine, aus Georgien und Deutschland bzw. Argentinien zusammengefunden haben.

Es geht flott und tanzbar los mit einer Tango- Milonga, instrumental, komponiert von Luis Borda, „Ironía de salón“; passagenweise jedoch in der Zwiesprache verlangsamt, zu der sich wieder andere Stimmen gesellen und gemeinsam wieder Tempo aufnehmen, spannend und sicher nicht so ganz einfach, wenn man es tanzt. Eben wie bei dieser Form der flotten Tangos der Alten Garde aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, mit den (berüchtigten) getanzten „cortes y quebradas“. Schon beim zweiten Titel kommt Lídia Borda hinzu und singt eine nachdenkliche Version von „Martirio“, einem Tango von Discépolo aus dem Jahr 1940, der von der quälenden Verzweiflung einer Verlassenen spricht, die sich nicht von der Sehnsucht nach demjenigen lösen kann, der nicht mehr kommen wird. Wir hören eine Lídia Borda mit klarer, voller, jedoch nicht pompös überladener Stimme; sie trägt diese schicksalsschweren Textinhalte sehr glaubwürdig vor. Hier wird das sentimiento, Emotion, zelebriert, solche Tangos sind eher zum Hören als zum Tanzen geeignet.

Das nächste Stück leitet über zu einer ganz anderen Epoche des Tango. Der „Tango nuevo“ von Astor Piazzolla war zunächst nicht als Musik zum Tanzen konzipiert und spaltete zu seiner Zeit die Tango-Verständigen in krasse Ablehner und wenige, sehr wenige Befürworter dieser neuen, eher intellektuellen Richtung. Astor Piazzolla hatte in New York den Jazz kennen- und liebengelernt und komponierte nach den geradezu mathematischen Regeln systematischer sinfonischer Musik, daraus entstanden zahlreiche Kompositionen wie das hier verwendete „Lo que vendrá“, das Luis Borda mit eigenen Motiven verbindet, von ihm „Fragmentos“ genannt. Hier packt er die elektrische Gitarre aus, die bei Piazzolla, wie sonst kaum beim klassischen Tango, ihren Platz im Quintett gefunden hat. Was bei Borda dabei herauskommt, ist eine Kombination des klaren und erkennbaren Motiv Piazollas aus „Lo que vendrá“ mit eigenen Jazzimprovisationen; spannend zu hören, aber sicher zum Tanzen nicht gedacht und nicht geeignet. Luis Borda versprach uns in seinem Begleittext zur CD eine Mischung aus allen Stilen des Tango; alle Formen in aller ihrer Unterschiedlichkeit sollten aber die Universalsprache der Tangomusik aufzeigen; in diesem weitgefächerten Programm, das uns von einem Stück zum anderen ein anderes Hörerlebnis und eine andere Klangfarbe eröffnet, liegt die Überraschung und die Essenz dieser CD. Hier ist nicht widersprüchlich, dass einige Motive in Abwandlung wiederholt werden, so auch das Motiv aus „Lo que vendrá“ und die „Fragmentos“ in diesem Zusammenhang.

luisbordaensemble.jpg Etwas aufgekratzt kommen wir von dem Hörerlebnis der Piazzolla-Borda- Variationen und werden durch ein gesungenes Poem sofort entspannt: „Tu ausencia“, von Lídia Borda gesungen zur Begleitung von Cello und Gitarre, nach einem Text von Pablo Marchetti, der uns leider nicht mitgeliefert wird in dem Booklet zur CD; dabei sind es doch nur zwei Texte, die uns in ihrer innigen Interpretaton faszinieren und deren Inhalt uns vielleicht verborgen bleibt, weil wir es gesungen nicht vollständig erfassen können. Wir ahnen vielleicht richtig, es geht um einen trostlosen Seelenzustand der weltentrückten Leere, wehrloser Zerbrechlichkeit nach dem Verlassenwerden. *

„Tu boca“ von Luis Borda ist ein instrumentaler Tango Nuevo, langsam und verträumt und nur von den Streichern und dem Klavier, doch ja, auch das Bandoneón ist ganz zart mit dabei, in innigem Zusammenspiel vorgetragen. Er verklingt ruhig und läßt uns mit weit geöffneten Ohren dem nachlauschen, was Luis Borda als Musik der Hände und der Seele bezeichnet.

Bei dem klassischen Tangolied von Mariano Mores und José María Contursi „En esta tarde gris“  aus dem Jahr 1941 singt wieder Lídia Borda, deren Stimme geradezu zart, ebenso wie die Violine, über den wuchtigen Kontrabasslinien schwebt, die ihrerseits von der perkussiven Gitarrenbegleitung exakt unterfüttert werden. Eben richtiger Tango mit Kraft, „mit Wumm“…  Zart darf hier nicht falsch verstanden werden werden, die Stimme von Lídia Borda ist präsent und klar, aber ein falsches Pathos fehlt und wäre wohl auch fehl am Platz bei einem Lied über diese verzeifelte Klage einer Liebenden, die an einem tristen Nachmittag von den übermächtigen Gefühlen der Erinnerung und der Reue überwältigt wird.

Loca en nubes, das nächste Stück, wieder von Luis Borda selbst komponiert, entpuppt sich als Walzer, der aber nicht tanzbar ist, weil er ein verträumtes, langsames Tempo beschreibt. Die Cellistin Paula spielt die Melodie mit elegantem Vibrato, die kammermusikalisch nur von Bordas Gitarre und sparsam vom Kontrabass begleitet wird. Ein Genuß zum Hören, und auch diese Musik ist unverkennbar Tango, was auch sonst? Später werden wir dieses Stück von Lídia Borda gesungen hören, beide Versionen machen (sehn)süchtig und gehören zu den Höhepunkten dieser gelungenen Aufnahme.

Zwei eher kontemplative Stücke werden wirkungsvoll abgelöst durch die Milonga „Nocturna“ von Julián Plaza (1961) die unmittelbar wieder für das Kribbeln in den Beinen sorgt, so sehr treiben alle Instrumente gemeinsam diese Milonga voran bis zu ihrem furiosen Finale; Maestro Luis Borda läßt hier wieder, wie schon bei älteren Aufnahmen etwa der „Milonga de mis amores“, ordentlich die Saiten knallen, so markiert er hier eine Seite des Tango, die aggressiv und treibend, lebendig und mitreissend, augenblicklich all die Melancholie und Versponnenheit vergessen lässt.

Ganz leise und beinahe schüchtern meldet sich anschließend die Violine mit einem Solo (Homenaje – die Hommage richtet sich hörbar an Astor Piazzolla), die zu einer Komposition überleitet, die Piazzolla einmal als die beste seines ganzen Lebens bezeichnet hat: Adiós Nonino, das von allen musiziert wird, auch das Bandoneón ist wieder dabei, wie könnte es bei einem Stück von Astor Piazzolla anders sein.

Bei Mar amargo, einer Komposition von Luis Borda, sind nur zwei Gitarren und ein wenig vom Kontrabass zu hören. Luis Borda spielt, wie man es in den 70er Jahren (d. ltzt. Jahrh.) von Baden Powell gelegentlich hören konnte, mit sich selbst im Duo; auch ein Tango Nuevo, aber ein ganz langsamer, der trotz des Titels recht friedlich stimmt, wenn er leise verklingt…

Zum guten Schluß dieser abwechslungsreichen und spannenden CD noch einmal die Reprise der „Fragmentos“, die zu Piazzolla hinführten; Fetzen von dessen Motiven sind auch hier wieder deutlich herauszuhören; ein abschließende Improvisation auf der Jazzgitarre, von der ganzen Band begleitet, bei dem die Pianistin wohl so etwas wie ein Fender Rhodes Piano spielt oder ein Keyboard mit Effekten, was die Bemerkung in Frage stellen würde, dass hier „ohne technischen Schnickschnack“ gearbeitet wurde. In der Tat, ich erkläre es später, wie ich zu der Aufklärung gelangte, findet hier ein Fender Rhodes und eine Hammondorgel Anwendung! Luis Borda hat hier den Sound genauso gewollt; er entspricht dem seiner ersten Rockband in den 70er Jahren „Ave Rock“!*

Luis Borda ist ein Staunender, der in der Welt herumkommt als Musiker und überall feststellt, dass der Tango in vielfältigen Ausprägungen und Adaptationen schon längst da ist. Angekommen, vertraut, und sogar vielfach „assimiliert“. So berichtet er in einer Passage, die bei der Übertragung vom spanischen Text ins Deutsche irgendwie im Seitenumbruch des Booklets hängenblieb:

… auch in „anderen Vierteln“ pulsiert der Tango, in seinen unterschiedlichsten Formen, aus unzähligen Einflüssen und in vielen Stilen, letztlich eine Musik, die in allen Kulturen jeweils eigene Wertschätzung erfahren hat; so gibt es „Türkische Tangos“, „Finnischen Tango“, „Deutschen Tango“ und auch „Tango Argentino“ usw.; es ist geradezu so, als ob sich jeder den Tango „für sich“ genommen hätte.

Auch diese kuriose Beobachtung unterstreicht wieder die Universalsprache des Tango, die uns Luis Borda mit seinem Ensemble und den herausragenden Gastmusikerinnen, Lídia Borda und Paula Pomeraniec, in dieser gelungenen Zusammenstellung präsentieren wollte; es ist ihm und den „chicos y chicas“ gut gelungen.

*NB: Die Aufklärung dieser Details, über die ich nur spekulieren konnte, und auch die Texte der beiden Lieder von Pablo Marchetti und Kristina Dengler bekam ich inzwischen von Kristina Dengler, der Frau von Luis Borda. Ich möchte auch hier noch einmal sehr herzlich dafür danken.

Martin Hallier

Hörproben zur CD gibt es in Kürze auf unserer Hörprobenseite.


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Geheimnis um Soledad Sacheri gelüftet!

Gastwriter • 14. November 2008 • Im Fokus

                               Auf unsere Frage “Wer ist Soledad Sacheri” bekamen wir ein ganzes Bündel von Einzelhinweisen. Martin Hallier ist offenbar tiefer eingetaucht und schreibt uns, daß er einige Details zur Beantwortung unserer Frage beisteuern kann.

Auch für ihn ist es nicht erklärbar, warum man nicht den Versuch gemacht hat, die CD international anzubieten. Es gab oder gibt sie nur in Buenos Aires. Lest nun hier das Ergebnis seiner Recherche:

Zur CD Tango Virtual (2006)

T A N G O   V I R T U A L
SOLEDAD SACHERI

1.     Mi Buenos Aires Querido (A. Le Pera – C. Gardel)
2.     Balada Para Un Loco (H. Ferrer – A. Piazzola)
3.     Tinta Roja (C. Castillo – S. Piana)
4.     Volver (A. Le Pera – C. Gardel)
5.     El Choclo (E. Santos Discépolo – A. Villoldo)
6.     Uno (E. Santos Discépolo – M. Mores)
7.     Malevaje (E. Santos Discépolo – J. Filiberto)
8.     Se Dice De Mí (F. Canaro – J. Pelay)
9.     Los Mareados (E. Cadícamo – J.C. Cobian)
10.     Sin Palabras (E. Santos Discépolo – M. Mores)
11.     Chiquilín De Bachín (H. Ferrer – A. Piazzola)
12.     Los Pájaros Perdidos (H. Ferrer – A. Piazzola)

Gitarre: Hernán Reinaudo
Bandonéon und Klavier: Norberto Vogel
Violine: Juan José Raczkowsky

Musikalische Leitung und Arrangements: Hernán Reinaudo (2,3,4,5,6,7,8,9,11)
Arrangements: Norberto Vogel (1,10,12)

Aufgenommen im Studio ION – Technik: Pablo Acedo
Fotos: Machado – Cicala

Diese CD ist die erste Aufnahme von Soledad Sacheri. Aber auf anderem Gebiet beschäftigt sie sich schon lange und ausführlich mit der Stimme, hauptsächlich der Gesangsstimme, aber auch mit den Stimmen von Schauspielern und Sprechern: Sie ist ausgebildete Fonoaudiologin und hat in diesem Fach auch einen Doktortitel vorzuweisen. Bei einer Veranstaltung der Argentinischen Gesellschaft der Stimme im Jahr 2004 tritt sie mit anderen Fonoaudiologen anläßlich einer Benefizveranstaltung in der „Scala de San Telmo“ auf.

Sie ist Dozentin für Stimmtherapie und Pathologie der Stimme und hat Vorlesungen zu Themen wie „Stimmerziehung und Stimm- Prophylaxe für Schauspieler“ oder „Stimmhygiene“ angeboten. Auch war sie beispielsweise an einem Musik- Konservatorium (López Buchardo) in Bs As einige Zeit als Professorin für lyrischen Gesang tätig.

In ihrem Studium hat sie ihre Gesangstechnik u. a. in Mailand und in New York bei Sängerinnen und Professoren weiterentwickelt.

Auf ihrer Website veröffentlicht sie den Rahmen ihrer Unterrrichte sowie einige Artikel zum Thema Gesang und Stimmgesundheit, die ganz aktuelle Gedanken zum Stand der Forschung und zu den vielen noch ungeklärten Fragen rund um die menschliche Stimme  beinhalten.

Für mich ist es überraschend, so eine kammermusikalische Aufnahme zu hören, die sparsam, aber authentisch begleitet wird. Mir war der Name des Gitarristen und Arrangeurs bisher noch kein Begriff (Hernán Reinaudo), aber er beweist wieder einmal, wie populär doch die Gitarre in Argentinien ist – und etwa bei dem Tango El choclo genügt sie als alleiniges Begleitinstrument. Bei der Milonga „ Se dice de mí“ von Francisco Canaro / Text von Ivo Pelay stellt sie sich selbst nahtlos in die Tradition der couplethaften „Tangos cómicos“, die weniger als Tanzmusik als für die Bühne komponiert waren und die etwa die Sängerin Tita Merello mit dem Orchester von Canaro in die Tango- Neuzeit herübergerettet hat.

Einen anderen, weniger frechen und dafür melancholischeren Ton schlägt sie an bei „Tinta roja“ und hat sich mit diesem Tango auch eine Perle des „Rubros“ von Cátulo Castillo als Textautor und Sebastián Piana als Komponist ausgewählt. So wie sie auch anderen ganz Großen des Tango in ihrer Auswahl Reverenz erweist: Carlos Gardel mit „Volver“ und „Mi Buenos Aires querido“, Astor Piazzolla mit gleich drei Titeln und Enrique Santos Discépolo mit 4 Tangos, die seine Texte tragen. Sicher nichts zum Tanzen, aber eine schöne Sammlung zum Hören aus der Schublade „akustisch“ oder sogar „unplugged“.

Text von Martin Hallier


Link zur Downloadseite der CD
Link zur Website Soledad Sacheris.


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Balada para un adicto al tango

Gastwriter • 15. August 2008 • Feuilleton

Dein Tag ist das Ausharren bis zur Milonga.

Das Warten auf die Umarmung

ein leerer Raum und sich dahin schleppende Minuten.

Abends ziehst du deine zweite Haut an

und flüchtest in das schummrige Licht,

wo dich das Leid des Bandoneons empfängt.

Du saugst die Traurigkeit der Violine

in dich hinein und bist glücklich.

Die sternenlose Nacht atmet deinen Körper ein

und spuckt ihn erst am Morgen aus.

Du sammelst Begegnungen und suchst Berührungen.

Das Ungeheuer in dir schreit nach mehr.

Du wirfst ihm deine nicht ausgelebte Lust zum Fraß,

aber sein Hunger kann nicht gestillt werden.

Ab und zu denkst du an die Unbekannte von damals.

Die Tanzschritte weckten eure Neugier,

die sich in Sehnsucht verwandelte

und zu Ungeduld anschwoll.

Du erinnerst dich nicht mehr an ihr Gesicht,

nur daran, dass der Tango erst süß, dann bitter schmeckte.

Manchmal möchtest du sterben,

weil das Warten unerträglich ist.

Deinen Freunden begegnest du nur noch zufällig,

sie leben auf einem anderen Planeten

und sprechen eine andere Sprache.

Wenn einer von ihnen dir zu einer Therapie rät,

antwortest du mit einem rätselhaften Lächeln

und schaust verstohlen auf die Uhr.

 

von Mim, die auch für www.panchotango.at schreibt.


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



‘Der Panther im Streichelzoo’ von Burkhard Spinnen

Gastwriter • 8. Juni 2008 • Feuilleton

spinnen2.jpgAls ich, vor ein paar Jahren war es, in unserer Tanzschule einen Tango-Grundkurs absolvierte, fiel mir gar nichts auf. So anders war er ja nicht, dieser sagenhafte und mit so viele Mythos befrachtete Tanz. Natürlich wirkte die Musik, die dazu aufgelegt wurde, etwas fordernder, etwas melancholischer als die zu Foxtrott oder Langsamem Walzer, von der stets eine Art patenter Basisfröhlichkeit ausging. Sonst aber schien mir das ein Tanz wie alle anderen zu sein: Man macht im gegebenen Rhythmus bestimmte Schritte, zunächst einmal die einer Grundfigur – und wenn die Partnerin das auch tut, spiegelverkehrt natürlich, dann ist man am Ende einer rhythmischen Einheit wieder da, wo man gestartet ist, und kann sich überlegen, ob man das Ganze noch einmal tanzen oder in eine spezielle Figur wechseln will, für die natürlich auch gilt, dass sie einen gewissermaßen zurück auf Null bringt.

Ich habe diese Art von Tanzen lange betrieben, betreibe sie im Grund bis jetzt und bin auch ganz zufrieden damit. Denn sie minimiert Konflikte. Und Konflikte können sich bei Tanzen auch dann zeigen, wenn man mit der Partnerin schon fast die silberne Hochzeit und noch so einiges mehr erreicht hat. Oder anders formuliert: Konflikte, die im gemeinsamen Alltag klein gehalten werden können, zeigen sich mit tödlicher Sicherheit beim Tanzen, sprich: ausgerechnet in der sogenannten Freizeit, die man doch tunlichst konfliktfrei verbringen möchte.
Es ist daher eine prima Einrichtung beim Tanzen, dass man es betreiben kann, als wäre jeder der beiden Tanzpartner für seinen Teil der gemeinsamen Veranstaltung allein verantwortlich. Zwischen dem ersten und dem letzten Ton des Taktes kümmert sich jeder um seine Schritte, jeder tanzt gewissermaßen vor seiner eigenen Tür, und wenn am Ende beide wieder bei Null angekommen sind, na, dann kann man schon mal nicht meckern.
Höre ich jetzt: Führung? Ja, die gibt es bei uns natürlich auch. Aber man kann das Problem der Führung ganz gut reduzieren, indem man den vom Grundschritt abweichenden Figuren kurze und präzise Namen gibt, die, kurz bevor man bei Null angekommen ist, einer der Tanzpartner dem anderen ins Ohr flüstert, woraufhin dann wieder beide jeweils ihres machen, so wie sie es gelernt haben.

Wer nun auf dem Parkett nicht beim Flüstern erwischt werden will, der kann sich als Paar sogar auf eine feststehende Abfolge von Figuren einigen und die dann stalinistisch heruntertanzen. Meine, pardon: unsere Standardrumba sieht dann so aus: Grundschritt zweimal, Außenpromenade zweimal, Solodrehung Dame, Lasso, Grundschritt einmal, Doppeldrehung Dame mit Seitenwechsel, Grundschritt einmal, Innenpromenade, Aida, Grundschritt einmal, Sweetheart – und dann alles wieder von vorne.

In die Krise kommt eine solche Praxis eigentlich bloß auf überfüllten und übel beschallten Tanzflächen, wo man sich nichts zuflüstern kann, bzw. wo im entscheidenden Moment der Platz fürs Lasso fehlt, weil zwei junge Gewichtheber die Rumba als Boogie interpretieren und mit ihren Damen Belastungstests ihrer Schultergelenke durchführen.

So weit, so gut. Ein paar Monate nach unserer Kurzeinführung in den Tango wechselte die Betreuung unseres Kurses, und als auf unseren Wunsch der Tango wieder einmal ausgepackt werden sollte, erwies er sich als ein anderer. Wie wir später in Erfahrung brachten, hatte sich die Tanzschule inzwischen dem allgemeinen Trend angeschlossen, nicht die europäisierte, sondern die ursprüngliche Form des Tangos zu lehren, den Tango Argentino.

Doch das wussten wir damals noch nicht. Wir waren bloß paff! Denn nun gab es zwar noch den geliebten Grundschritt, doch der war an keine rhythmische Einheit mehr gekoppelt! Es gab kein lang-lang-kurz-kurz-lang oder dergleichen mehr. Nein, jeder Schritt hatte jetzt den gleichen Zeitwert, was für Leute, die den Rhythmus nicht so sehr im Blut haben und eigentlich immer mitzählen müssen, zunächst wie eine Erleichterung klang, sich dann aber schnell als perfide Generalverunsicherung herausstellte.

Denn wo waren jetzt die durch die Musik vermittelten Anfänge und Enden? Wer unterteilte jetzt in die Sequenzen, innerhalb derer jeder der beiden Tanzpartner sein Ding zu machen und an deren Ende er sich wieder mit dem Partner zu treffen hatte? Denn wenn es keine wiederkehrenden Muster gab, dann stand ja gewissermaßen jeder Schritt zur Disposition!

„Stimmt“, sagte auf meine umständliche Beschreibung der neuen Lage unser Tanzlehrer.
„Dann muss ja einer führen!“, sagte ich. „Und zwar dauernd!“
„Stimmt“, wiederholte sich der Tanzlehrer.
„Und wer soll das machen?“, sagte ich.
Der Tanzlehrer grinste mich an. In der Regel mache das bei einem Tanzpaar der Mann!
Ach so! Also ich? Hm.

Wir versuchten es. Und wie nicht anders vermutet: Es führte zu Konflikten. Offenbar hatten meine Partnerin und ich auf dem gemeinsamen Weg zur Silberhochzeit viel in Sachen Emanzipation und gerechter Verteilung von Aufgaben und Zuständigkeiten geleistet. Außerdem hatten wir patriarchalische Autoritätsmuster überwunden und waren zu einem gleichberechtigten Umgang mit Alltagsentscheidungen vorgedrungen. Lauter schöne Errungenschaften, mit denen im Kopf man ganz gut Rumba oder Foxtrott – aber leider gar nicht so gut Tango tanzen kann. Denn beim Tango sagte einer, wo’s langgeht. Und eine versucht, das zu begreifen, bevor er es auch nur angedeutet hat. Unerhört!

Ich muss sagen, der Tango erschien mir damals in unseren Tanzkurs einzufallen wie ein Panther in den Streichelzoo. Kaum war die entsprechende Musik aufgelegt, sahen sich die männlichen Tänzer gezwungen, eine Rolle zu übernehmen, die sie einmal von ihren Vätern geerbt hatten, um sie dann im Laufe ihres Lebens (und natürlich auch auf der Tanzfläche!) allmählich aufzugeben: Immer das Sagen haben? Och ne. Immer wissen, wo’s lang geht? Ach, warum denn. Teamwork ist doch so was Schönes. Also tanzen wir auch als Team, basta.

Tango aber geht nicht als Team mit gleichmäßig verteilten Rollen und Zuständigkeiten und flacher Hierarchie. Und weil das so ist und weil alle Konflikte beim Tanzen von Langzeitpaaren nur ein Spiegel (oder ein Zerrspiegel) ihrer Beziehungskonflikte sind, durfte dann eine Stunde lang jedes der Paare via Tango sämtliche Autoritätsfragen der eigenen Beziehung durch- bzw. abtanzen.

Mir schien, man ertrug die Stunde. Die meisten taten es eher schweigend. Ich selbst neige zur Verbalisierung von Konflikten und gab meiner Neigung nach. Danach ruhte der Tango eine Weile!

Doch eingeschlafen ist er nicht. Wir wissen, dass wir in diesem Metier schrecklich dilettieren. Wir wissen, dass dieser Tanz schieres Gift für unsere Natur der friedlichen Koexistenz bei sauber verteilten Einflussgebieten ist. Wir wissen das – und gerade deshalb kommen wir immer wieder darauf zurück. Denn mag er auch für viel Unruhe im Streichelzoo sorgen, der Panther – dafür hält er die Insassen auch wach und gespannt.


Bücher von Burkhard Spinnen sowie weiterführende Information über den Autor, seine Vita, seine Werke findet man beim Schöffling Verlag.Fotos: © Peter Stiens


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Bandophone und Saxoneons

Gastwriter • 2. März 2008 • Historisches

bandophone.jpgWenn ich Musik höre, erlebe ich das Zusammenspiel der Musikinstrumente als eine Einheit, eine Melodie, die man nicht weiter zerlegen kann. Manchmal frage ich mich, wie diese entsteht und versuche, die einzelnen Instrumente herauszuhören. Jedes Instrument scheint nicht nur eine Stimme zu haben, sondern auch so etwas wie Persönlichkeit.(mim 2008)

Diesen interessanten und überaus witzigen Artikel zur Symbiose von Bandoneon und Saxophon hat unsere Tangofreundin mim für das Tangomagazin Panchotango aus Salzburg geschrieben. Den kompletten Beitrag gibt es in Absprache mit ihr auf www.panchotango.at nachzulesen.


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.



Rezension Patrick Stern – Hafentango

Gastwriter • 23. Februar 2008 • Reportage

Hafentango in Hamburg auf der Meile – Ein Abend im Januar 2008 im La Yumba (von Martin Hallier)

pen004.jpgDer Tango ist nicht nur Tanz; er ist vielmehr eine (städtische) Volksmusik, in der sich das ganze Leben der Einwanderer und Zuwanderer, mehr der kleinen als der großen Leute, in einer überaus reichen Palette an Farben, vielfältigen Eingebungen und Emotionen widerspiegelt. Die Straßenbahn am frühen Morgen mit denjenigen, die zur Arbeit fahren müssen und denen, die nach durchzechter und durchtanzter Nacht nach Hause fahren, die Fuhrwerke wie das mit den treuen Zugtieren Manoblanca und Porteñito, die noch eine kleine Portion Kraft aufbringen sollen, um den heimischen Stall zu erreichen; die vielen Episoden von enttäuschter Liebe, von Verrat und Eifersucht, von Geld, Glanz und Knast, Glücksspiel und Gebet, Aufstieg und Fall, kaum etwas, was nicht im Tango abgebildet und erzählt wird.

Weiterlesen… »


Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, so werde registrierter Benutzer, schreibe einen Kommentar und profitiere von weiteren, phantastischen Möglichkeiten.